Schülerzeitungshandbuch
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Die Recherche

Hinsetzen, Thema finden, loslegen? So einfach ist es im Journalismus nicht. Zu jedem Artikel gehört eine fundierte, ausführliche und präzise Recherche. Denn: Ein Artikel ist nur so viel wert wie seine Recherche.

Wie recherchiere ich richtig? Reichen Google und Co. zur Recherche? Woher holt ihr euch die Infos für eure Schülerzeitung? Zu diesen und weiteren Fragen kannst du hier im Schülerzeitungs-Forum diskutieren.

Einleitende Worte

Recherche braucht Leidenschaft, Ausdauer und Hartnäckigkeit. Denn wer recherchiert, stößt regelmäßig auf Widerstände - bei Schulleitern, Interessensgruppen oder Politikern. Kurz: bei allen, die ein Interesse an der Vertuschung der Wahrheit haben oder Dinge einfach gern in einem bestimmten Licht dargestellt sehen.

Doch wer gegen diese Widerstände angeht, wer die Spannung und die Möglichkeiten einer guten Recherche entdeckt und erlebt hat, der wird kaum zur Routine des früheren Alltags zurückkehren.

Die folgenden Kapitel sollen Lust machen, sich auf die Spur einer guten Recherche zu begeben. Und sie sollen zeigen, dass Recherche keine Zauberei ist, sondern ein Handwerk, das jeder Journalist erlernen kann und sollte.

Gute Recherchen führen zu wichtigen, oft exklusiven Informationen, die viele Leser, Hörer und Zuschauer betreffen, interessieren und auch fesseln werden. Gute Recherche gehört zur publizistischen Qualität jedes Mediums – auch einer Schülerzeitung.

Die Recherchekultur in Deutschland ist jedoch stark verbesserungswürdig. Nach Angaben von Thomas Leif, dem Vorsitzenden vom Netzwerk Recherche e.V., kommen bei uns zwei Drittel des journalistischen Materials aus PR-Quellen oder von Interessensgruppen. Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung), einer der profiliertesten deutschen Rechercheure, hat einmal über den Recherche-Journalismus gesagt: „Die meisten, so glaube ich, verstehen darunter, dass man ohne Hilfe der Sekretärin eine Telefonnummer findet.“

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Was heißt recherchieren?

Im Duden steht: Recherchieren bedeutet nachforschen, ermitteln, sich genau informieren, sich ein Bild von einer Sache machen und Hintergründe kennen lernen. Zum Alltag des Journalisten gehört es vor allem, Informationen zu sammeln, zu überprüfen und zu vervollständigen. „Recherchieren“ heißt, die für einen Artikel/einen Beitrag nötigen Informationen zusammenzutragen und auf ihre Richtigkeit hin zu überprüf

Wie kann man nun aber Grundsätze der Recherche lernen?

Die einfache Antwort lautet: Indem man recherchiert! Der Lerneffekt ist am größten, wenn man etwas selbst tut - auch mit dem Risiko zu scheitern! Wir lernen wenig durch Vorträge, mehr durch Anschauung und noch viel mehr durch die Praxis.

Diese Kapitel können also nur ein Anstoß sein, eine erste Orientierungshilfe. Wichtig ist, danach nicht stehen zu bleiben und sich auf dem Gelesenen auszuruhen, sondern mit Hilfe der Tipps eigene Recherchen zu starten.

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Grundlagen der Recherche

Für Thomas Schuler („Die Mohns“), einem erfahrenen Recherchetrainer, sind zwei Erkenntnisse Grundvoraussetzung für jede Recherche:

  1. Erst die „Faktenebene“ klären, dann die Informanten nach ihrer Interpretation fragen.
  2. Texte, die sich nur auf eine einzige Quelle stützen, sind tabu.

Zu 1.: Die W-Fragen: Ein Journalist gibt in seinen Berichten Antworten auf die sieben W-Fragen

  • Wer?
  • Was?
  • Wann?
  • Wo?
  • Wie?
  • Warum?
  • Woher? (Angabe der Quelle, manchmal nur anonym möglich)

Ein Beispiel: In einer Schule geht das Gerücht um, ein Lehrer habe eine Schülerin geschlagen, und ihr sei dabei sogar das Trommelfell geplatzt. Als Redakteur einer Schülerzeitung hört man nun von diesem Gerücht und will darüber berichten. Der Redakteur muss nun versuchen, Antworten auf die W-Fragen zu bekommen.

Nach Tom Schulers Regel gilt es, erst einmal die „Faktenebene“ zu klären, bevor man zur Interpretation kommt. Folgende W-Fragen gehören zur Faktenebene: Wer hat was, wann und wo gemacht?

Erst danach sollte sich der Journalist den Fragen „Wie“ und „Warum“ widmen. Schuler schreibt: „Bevor man sich den interessanten Fragen zuwendet, gehören die langweiligen Fragen angegangen. Journalisten sind versucht, sofort „nach vorne“ zu recherchieren. Die guten Rechercheure kümmern sich jedoch erst um die Grundlage, indem sie rückwärts, also „nach hinten“ recherchieren. So kann man von einer gesicherten Basis aus immer tiefer nach vorne stoßen.

In unserem Beispiel bedeutet das Folgendes: Der Redakteur der Schülerzeitung muss recherchieren, wer (also welcher Lehrer) was gemacht hat (Wirklich geschlagen? Wen?). Der Redakteur muss herausfinden, wo und wann das passiert ist. Sollte man Antworten auf diese Fragen gefunden haben, kann man sich schließlich der Interpretationsebene nähern. Dann können Fragen gestellt werden, wie genau das Ganze passiert ist (heftiger Schlag aufs Ohr) undd warum (Lehrer hat völlig überreagiert; unkontrollierter Wutausbruch).

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Ablauf einer Recherche

Die erste Regel der Recherche: Nicht gleich loslaufen, sondern zuerst nachdenken und sich genau überlegen, was eigentlich das Ziel der Recherche ist. Für jeden Journalisten ist es sehr ärgerlich, nach langer Recherche festzustellen: Man weiß nun zwar viel mehr, aber der Redakteur hat eigentlich am Thema vorbeirecherchiert (In unserem Beispiel: Man weiß nun, dass der betroffene Lehrer seine Frau betrügt, aber über den Schlag gegen die Schülerin weiß der Rechercheur nichts Genaues.)

Das Rechercheziel sollt man sich stets vor Augen halten und dazu auch einen Rechercheplan aufstellen. Einen genauen Verlauf der Recherche kann allerdings niemals vorhergesehen werden. Also sollte man sich überlegen:

  1. Welche Informationen
  2. In welchen Quellen und
  3. in welcher Reihenfolge gesucht werden soll.

 

Zu 1.:

Bei der Informationssuche kann ein anfängliches Brainstorming Sinn machen. Dabei wird einfach alles, was einem zum Thema einfällt, aufgeschrieben und anschließend sortiert, strukturiert und zusammengefasst. Schließlich werden die (offensichtlich) uninteressanten Dinge gestrichen und die wichtigen in eine „Rangfolge“ gebracht.

Zu 2.:

Die zweite von Thomas Schulers oben zitierten Grundvoraussetzungen kommt hier zum Tragen: „Texte, die sich nur auf eine einzige Quelle stützen, sind tabu.“ In unserem Beispiel darf es etwa nicht passieren, dass man nur mit der angeblich geschlagenen Schülerin spricht. Es könnte ja sein, dass sie sich für eine schlechte Klausurnote rächen will und deshalb das Gerücht streut, der Lehrer habe sie geschlagen. Der Redakteur darf dieses Gerücht nicht einfach ungeprüft weiterverbreiten, denn dann macht man sich strafbar. Man muss auch den Beschuldigten befragen und seine Stellungnahme in den Bericht aufnehmen. Ist der Beschuldigte nicht zu einer Stellungnahme bereit, sollte der Redakteur diese Ablehnung im Bericht erwähnen. Das Gerücht muss dann als solches kenntlich gemacht werden und es sollten sorgfältig weitere Quellen in Betracht gezogen werden, um das Gerücht zu überprüfen (z.B. Mitschüler befragen).

Sollte nämlich der Redakteur in einem möglichen Gerichtsprozess, den der Lehrer anstrebt, mitangeklagt werden, muss dieser nachweisen können, dass er sorgfältig recherchiert und nicht einfach Gerüchte mitverbreitet hat. Ein Besuch am Ort des Geschehens gehört - wenn möglich - auch auf einen Rechercheplan. In unserem Beispiel macht es Sinn, das Klassenzimmer zu besichtigen, um den „Tathergang“ rekonstruieren zu können. Mögliche Quellen bei der Recherche können auch Bibliotheken, Archive, Dokumente oder das Internet (dazu später mehr) sein. Die wichtigste Quelle sind aber in der Regel immer noch Personen.

Zu 3.:

Man notiert schließlich alle Personen, die für das Thema eine Rolle spielen. Dann entscheidet sich, wen man wann zu welchem Thema befragt. Oft ist es ratsam, zuletzt diejenigen zu fragen, die beschuldigt werden und/oder Entscheidungen zu verantworten haben. Denn nur dann können sie mit allen gesammelten Vorwürfen und recherchierten Folgen konfrontiert werden. Die Recherche wäre sonst nicht vollständig.

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Das Rechercheprotokoll

Einer der wichtigsten Recherchetipps lautet: Führe ein Rechercheprotokoll!

Dieses erfüllt drei wichtige Funktionen:

  1. Es strukturiert die Recherche.
  2. Es dokumentiert Recherchewege und -ergebnisse.
  3. Es bereitet Rechercheergebnisse so auf, dass man sie in journalistischen Produkten verwerten kann.

 

Zu 1.:                                                                       

Auf einem Blatt notiert man alles zum Sachverhalt: Vor allem die Antworten auf die W-Fragen. So bleibt das Wissen zum Thema immer im Blick und der Redakteur sieht, was er noch recherchieren muss. Es ist so zu jedem Zeitpunkt möglich, die Zwischenergebnisse in ihrer Gesamtheit zu betrachten und neue Ideen zu gewinnen. Insofern stößt ein Protokoll auch kreative Denkprozesse an.

Zu 2.:

Zu jeder Information gehört der Vermerk, woher sie stammt - die Antwort auf die W-Frage „Woher?“ also. Denn nur, wenn sorgfältig dokumentiert wird, welche Informationen auf welchen Wegen erhoben wurden, können Journalisten und (im schlimmsten Fall) Juristen die Recherche nachvollziehen und überprüfen. Das Protokoll sichert aber auch das Wissen für den Rechercheur selbst. Wenn er das Thema erneut aufgreift, kann er sich entlang des Protokolls wieder in das Thema einarbeiten – inhaltlich und organisatorisch.

Zu 3.:

Das Protokoll fasst die Recherche in ihrer gesamten Breite zusammen, und zwar alle Informationen, die im Zusammenhang mit der Informationsbeschaffung von Bedeutung sind. Für den journalistischen Beitrag wählt man sich dann die wichtigsten Gesprächspartner und die überzeugendsten Belege aus.

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Informationsquellen

Das Archiv

  • Jede Redaktion sollte ein Archiv besitzen. Auch für eine Schülerzeitung bietet es sich an, zumindest alle Ausgaben abzuheften. Ein elektronisches Archiv anzulegen, bei dem man mit Hilfe von Suchbegriffen nachsehen kann, ob zu einem Thema schon mal Artikel erschienen sind, ist ratsam.
  • Auch das Archiv der örtlichen Tageszeitung(en) bietet sich als Recherche-Ort an. Wer freundlich fragt, bekommt in der Regel auch Zugang zu Ordnern und Datenbanken.


Das Handelsregister

Wer aufwändige Recherchen zu wirtschaftlichen Verflechtungen in einer Stadt macht, kann im Handelsregister (in der Regel beim Amtsgericht) einsehen, welche Unternehmen und Gesellschaften welchem Besitzer gehören.

 

Die Internet- Recherche

  • Eine gute Recherche darf bei Google beginnen, aufhören darf sie dort nicht. Zumal auch diese Suchmaschine nur einen kleinen Teil des Internet erfasst.
  • Zu empfehlen ist außerdem die gut strukturierte Website www.recherchefibel.de
  • Verzeichnis von Suchmaschinen: Etwa 2700 Einträge von Suchmaschinen, außerdem eine gut verständliche Erklärung zu deren Nutzung bietet die Seite www.suchfibel.de
  • Linksammlung: Eine sehr gute systematische Linksammlung mit internationalen Bibliotheken, Nachschlagewerken, Biografien etc. bietet das Hochschulbibliothekszentrum des Landes NRW unter www.hbz-nrw.de/recherche
  • Domaindaten: Wenn das Impressum einer Site fehlt, unvollständig oder zweifelhaft ist, kann man die Domaindaten für Deutschland in der Denic-Datenbank abfragen unter www.denic.de/ ; für globale Domaindaten gibt es die Suche www.zoneedit.com/whois.html


Die Informanten

  • Es lohnt sich, einmal in Gedanken den eigenen Freundes- und Bekanntenkreis durchzugehen. Vielleicht findet sich jemand, der zu bestimmten Themen Informationen liefern oder Kontakte vermitteln kann.
  • Informantenschutz: Es ist journalistische Pflicht, Informanten auf Wunsch im Bericht nicht namentlich zu erwähnen und vertrauliche Hintergrundinformationen nicht ohne Rücksprache zu veröffentlichen.
  • Recherche-Interview: Zur guten Vorbereitung und Gesprächsführung eines Interviews siehe Kapitel Texte und Stilformen.

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Weiterführende Literatur zur Recherche

  • Haller, Michael: Handbuch „Recherchieren“, Konstanz 2000. www.uvk.de; Darin besonders zu empfehlen: Einführung in die Grundzüge des methodischen Recherchierens, (S. 51-84)
  • Netzwerk Recherche (Hrsg.): Trainingshandbuch Recherche, Wiesbaden 2003.
  • Leif, Thomas (Hrsg.): Mehr Leidenschaft Recherche, Wiesbaden 2003.

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Hintergrundwissen Recherche

Die Jugendpresse Deutschland hat zum Thema Recherche ein ausführlicheres Hintergrundwissen als Online-Dokument erstellt. Dieses kannst du dir unter http://www.schuelerzeitung.de/recherche herunterladen.

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Weitere Fragen?

Wie recherchiere ich richtig? Reichen Google und Co. zur Recherche? Woher holt ihr euch die Infos für eure Schülerzeitung? Zu diesen und weiteren Fragen kannst du hier im Schülerzeitungs-Forum diskutieren.

 

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