on JUST
Werkstattmedium für junge Medienmacher

Zusatzstoffe in unseren Lebensmitteln: Bunter, gesünder und perfekter

Zuerst das Gammelfleisch, dann zusammengeklebte Schnitzel aus Fleischresten und nun auch noch Dioxin in Fleisch und Eiern. Immer wieder führen uns die groß aufgemachten Lebensmittelskandale in den Medien vor Augen, was wir wirklich essen. Doch wissen wir wirklich, was in unserem Essen steckt?
Fotocredits: Sebastian Czub

An apple a day keeps the doctor away“, so sagt es uns das englische Sprichwort. Schaut man genau hin, so findet sich eine lange Liste an Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen, Kohlenhydraten und vielem mehr, die den Apfel zu dem machen, was wir uns von ihm erhoffen: zu etwas Gesundem.

Doch würde man die Inhaltsstoffe eines Apfels so darstellen, wie wir es auf den Verpackungen beliebiger Fertigprodukte gewohnt sind, fänden sich darunter die verschiedensten E-Nummern. So könnte man beispielsweise die sogenannten Lebensmittelzusatzstoffe E-300 (Vitamin C), E-306 (Vitamin B) oder E-460 (Cellulose) in der Zutatenliste entdecken. Zum Glück können wir uns bei Äpfeln noch sicher sein, dass wir kein künstliches Produkt in der Hand halten. Laut Definition sind Lebensmittelzusatzstoffe nämlich nicht diejenigen Substanzen, die üblicherweise als Lebensmittel selbst oder als charakteristische Bestandteile eines Lebensmittel vorkommen. Die Liste der Inhaltsstoffe unseres Apfels ist daher sehr leicht lesbar und verständlich.

 

Rund 300 zugelassen Zusatzstoffe

Anders verhält sich dies mit den Inhaltsangaben verarbeiteter Lebensmittel. Die künstlich beigefügten Zusatzstoffe werden auf der Verpackung oft mithilfe ihrer E-Nummer deklariert. Bei der Verwendung dieser Lebensmittelzusatzstoffe stehen wichtige Interessen der Lebensmittelindustrie, aber auch der Verbraucher im Vordergrund. Heute entscheidet häufig das Aussehen eines Produktes über Kauf oder Nichtkauf. Häufig verleihen Zusatzstoffe den Produkten die gewünschten schönen Farben, perfekte Formen und die geforderte natürliche Frische. Lebensmittel sollen leichter zu verarbeiten, komfortabler in der Lagerung und sicherer vor Verderben sein. Um diese Wünsche zu erfüllen, bedienen sich Lebensmittelhersteller vieler Tricks und Helfer von Antioxidations- bis hin zu Verdickungsmitteln. In mehr als 25 Kategorien lassen sich die über 300 innerhalb der Europäischen Union zugelassenen Zusatzstoffe einteilen. Die Liste der Einsatzgebiete wird immer länger. Unter dem Namen „Functional Food“ werden moderne Lebensmittel zusammengefasst. Von Vitaminanreicherung und probiotischer Wirkung trumpfen Joghurt und Margarine heute mit nahezu medikamentenähnlichen Wirkungen auf. Sie helfen bei der Verdauung oder senken den Cholesterinspiegel.

 

Sicherheit im Umgang mit Zusatzstoffen

Langjährige Tests und Studien über mögliche gesundheitsgefährdende Effekte auf den Menschen gehen einer Aufnahme in diese Liste voraus. Durch Tierversuche und Probandenstudien werden toxikologische Daten erhoben. Erst wenn ein Zusatzstoff als sicher befunden wird, klassifiziert die EFSA (European Food Safety Authority) diesen und erteilt eine E-Nummer. Auch ein nachweisbar natürlicher Zweck ist eine der Zulassungsvoraussetzungen. Durch Studien wird der ADI-Wert („Acceptable Daily Intake“) ermittelt, der Wert der maximalen Aufnahmemenge eines bestimmten Zusatzstoffes. Mithilfe weiterer Erhebungen wird untersucht, ob eine Überschreitung im Alltag überhaupt denkbar ist. Nötigenfalls werden die Grenzwerte für bestimmte Lebensmittel angepasst, um einem übermäßigen Verzehr vorzubeugen.

Zusatzstoffe in der Kritik

Seit Jahrhunderten verwenden Menschen die verschiedensten Zusatzstoffe, um ihre Lebensmittel haltbarer zu machen. Bereits im alten Rom war Pökelsalz beliebt, um Fleisch zu konservieren. Backpulver verleiht seit über einem Jahrhundert Gebäck seine Luftigkeit.

Befürworter der Verwendung von Lebensmittelzusatzstoffen argumentieren gerne, dass diese ohnehin natürlich in unseren Speisen vorkommen, beispielsweise in Obst und Gemüse. Ein Unterschied zwischen chemisch identischen, künstlich hergestellten Vitaminen und deren natürlichen Vorbildern bestehen nach aktuellem Wissensstand auch im Verarbeitungsprozess im menschlichen Körper nicht. Außerdem könnten dank strenger Regulierungen und sorgfältiger Tests Zusatzstoffe als sicher angesehen werden, lautet es auf der Website von EUFIC, dem Europäischen Informationszentrum für Lebensmittel.

Doch genau hier setzen auch Kritiker des Einsatzes der Zusatzstoffe an. Als unabhängige Organisation setzt sich beispielsweise Foodwatch als Ziel, die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Sinne der Verbraucher zu schützen. Im Interview mit dem Focus spricht Foodwatch-Gründer Thilo Bode von „menschenverachtender Politik, wenn wir ganz legal langfristig sich akkumulierende Gifte wie Dioxin über das Essen zu uns nehmen müssen“. Er verdeutlicht, dass die Langzeitwirkungen der Zusatzstoffe oft nicht absehbar sind. „Sie kriegen Krebs halt nicht von heute auf morgen.“ Einige E-Stoffe stehen seit Längerem im Verdacht, bei langfristigem Konsum Krebs, Alzheimer oder ADHS auszulösen. Jedoch gibt es keine langjährigen Studien, in denen dies gezeigt werden kann. Auch wird bei Laborversuchen jeder Zusatzstoff einzeln auf seine Wirkungen hin untersucht, nicht aber der Cocktail, der von uns täglich verspeisten Zusätze. Niemand weiß daher genau, wie die Kombination verschiedener Zusatzstoffe auf den menschlichen Körper wirkt.

Täuschung der Verbraucher

Häufig wird der Lebensmittelindustrie auch vorgeworfen, Zusatzstoffe zur Täuschung der Verbraucher einzusetzen. Im Englischen gibt es bereits einen Begriff für Fertigprodukte, die nicht das sind, was der Konsument von diesen erwartet. Als „fakefood“ bezeichnen Amerikaner solche Lebensmittel wie Käse, der nichts mit Milch zu tun hat, Garnelen, die nicht wissen, was Wasser ist, oder Schinken, der aus kleinen Fleischresten zusammengeklebt wurde. Künstliche und natürliche Aromen helfen dabei, den perfekten Geschmack zu imitieren. Aus der Bezeichnung der künstlichen Geschmacksstoffe, lässt sich logisch folgern, dass diese außer einem sehr ähnlichen Geschmack nichts mit den echten Früchten gemein haben. Doch auch das natürliche Himbeer- oder Erdbeeraroma stammt nicht aus einer roten Frucht. Extrakte aus Holzabfällen täuschen den Verbraucher. Um Zusatzstoffe mit schlechtem Ruf auf der Verpackung zu vertuschen, greifen Lebensmittelhersteller gerne zu legalen „Tricks“: Da erscheint auf der Zutatenliste schon mal das Wort „Würze“, wenn Glutamat gemeint ist, oder ganz schlicht die chemische Bezeichnung, die den meisten Verbrauchern nichts sagt, sondern eher verwirrt.

Emotionen bestimmen den Ton

Eine unsichere Faktenlage und feste Fronten zwischen Kritikern und Befürwortern lassen Diskussionen rund um den Einsatz von Lebensmittelzusatzstoffen sehr emotional werden. Es handelt sich schließlich um eines der wichtigsten Themen: die eigene Ernährung. Schnell stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch in der Lage ist, über seine Ernährung selbst zu entscheiden. Ob man noch fähig ist, ohne Konservierungs- oder Süßstoffe in Lebensmitteln auszukommen. Eine Antwort darauf sollen uns Bioprodukte geben. Doch auch hier heißt es nicht, dass keine Zusatzstoffe in der Produktion erlaubt sind. Je nach Bio-Label stehen den Herstellern bis zu 47 Zusatzstoffe zur Auswahl. Ganz ohne Zusatzstoffe müssen im Raum der Europäischen Union derzeit Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Reis, Milch, Eier, Honig und deutsches Bier sein. Um wirklich zusatzfrei essen zu können, müsste man wohl im Alltag auf gewohnten Luxus und die lieb gewonnene Vielfalt an Produkten verzichten, wüsste dann aber genau, was in seinem Essen steckt.

Kontakt zum Autor:

Ihr habt Fragen an den Autor? Kein Problem! So erreicht ihr Paul Volkwein: @ paul.volkwein(at)jpbw.de

Fotocredits: Sebastian Czub

Die wichtigsten Gruppen von Zusatzstoffen mit Beispielen:

Farbstoffe
E 102 Tartrazin – Zitronengelber Lebensmittelfarbstoff
E 123 Amaranth – Roter Lebensmittelfarbstoff, in den USA verboten, da er im Verdacht steht, Krebs zu verursache
E 175 Gold – Dient als Farbstoff und ist unbedenklich

Konservierungsmittel
E 290 Kohlendioxid – Treibgas, „Kohlensäure“ in Getränken
E 330/340/341/343 Salze der Phosphorsäure – Konservierungs- und Trennmittel

Antioxidantien
E 300 Ascorbinsäure – Vitamin C, Konservierung und Säuerung von Lebensmitteln
E 339 Zitronensäure – Kann den Zahnschmelz zerstören

Gelier- und Verdickungsmittel
E 420 Sorbit und Sorbitsirup – Zuckeraustauschstoff

Trennmittel
E 901 Bienenwachs weiß und gelb – Schutzüberzug für Obst, relativ teuer

Geschmacksverstärker
E620 Glutamat – Geschmacksverstärker, sehr umstritten, kann bei übermäßigem Verzehr Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Übelkeit verursachen

Süßstoffe 
E 967 Xylit – Zuckeraustauschstoff

Enzyme
E 1101 Proteasen – Darunter auch Transglutaminasen, die das „Kleben“ von Fleisch ermöglichen

 AOK-Experteninterview mit Anke Tempelmann, Ernährungsexpertin beim AOK-Bundesverband 

Lebensmittelzusatzstoffe sind besonders in Fertiggerichten und Fastfood enthalten. Kann man im Alltag ohne großen Aufwand den Konsum solcher Produkte verringern?

 „Gar nicht erst einkaufen“, heißt die Devise. Je weniger ein Lebensmittel industriell verarbeitet wurde, desto weniger Zusatzstoffe sind in der Regel enthalten. Wer viel frische Ware kauft und selbst zubereitet, kann die Menge der Zusatzstoffe gering halten.

Bedeutet selbst Kochen nicht einen großen zusätzlichen Zeitaufwand?

Das kommt immer auf das Rezept an. Es gibt viele leckere Gerichte, die schnell und unkompliziert zuzubereiten sind. Wer die Zeit fürs Gemüseputzen und -schnibbeln sparen muss, wählt Tiefkühlgemüse. Beim Einkauf darauf achten, dass es reines Gemüse und keine Gemüsezubereitung ist. Letztere kann Gewürzmischungen oder Soße enthalten und dadurch wieder Zusatzstoffe auf den Tisch bringen.

Ist die vertretbare tägliche Aufnahmemenge (ADI) einzelner Zusatzstoffe für Jugendliche relevant?

Der ADI-Wert gilt für alle Altersgruppen und berücksichtigt auch, dass z. B. Kranke, Ältere und Kinder besonders geschützt werden müssen. Bei einer normalen gemischten Kost besteht kein Risiko, die ADI-Werte der verschiedenen Zusatzstoffe zu überschreiten. Werden allerdings unübliche Mengen bestimmter Lebensmittel verzehrt, kann das ganz schnell anders aussehen. Vor allem bei Getränken wie Softdrinks erreichen Jugendliche manchmal kritische Mengen – kritisch nicht nur im Hinblick auf mögliche Zusatzstoffe, sondern vor allem bezogen auf den enthaltenen Zucker.

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 1/2011

Unterstütze die Jugendpresse

mit Deinem Online-Einkauf
ohne Extrakosten

Unser Newsletter für dich:

Bleibe immer informiert – mit deinem monatlichen Jugendpresse-TELEX.

optionale Angaben

Die optionale Angabe deines Namen hilft uns, dich persönlich anzusprechen. Hier kannst du uns diesen mitteilen:

Vielen Dank für deine Registrierung – diese wird in einem neuen Fenster weiter verarbeitet!

SZ-Handbuch

Das Schülerzeitungs-Handbuch - jetzt auch im Buchhandel



Baden - Württemberg Bayern Berlin Brandenburg Bremen Hamburg Hessen Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen Nordrhein - Westfalen Rheinland - Pfalz Saarland Sachsen Sachsen - Anhalt Schleswig-Holstein Thüringen

REGIONAL

Karte von Deutschland

Was ist Jugendpresse?

  • Wir sind das Netzwerk medienbegeisterter junger Menschen in Deutschland
  • Wir vermitteln journalistisches Handwerk und machen Medien mit Leidenschaft
  • Wir sind eine unabhängige Plattform für Engagement, Austausch und Selbstverwirklichung junger Medienmacher
  • Wir fördern Medienkompetenz und leben demokratische Kultur
  • Wir hinterfragen und bewegen Gesellschaft