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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Soziale Netzwerke: Chance oder Gefahr

Das Internet hat innerhalb kürzester Zeit Herrn zu Guttenberg die Karriere und Frau Koch-Mehrin den Doktortitel gekostet. Gleichzeitig hat es die Karrieren junger Talente auf den Weg gebracht, deren Musikvideos sich dank „Like“-Klicks im Schneeballeffekt über die ganze Welt verbreiteten. Soziale Netzwerke haben eine Eigendynamik, die vieles ins Rollen bringt – Positives wie Negatives. Gerade deshalb ist der umsichtige Umgang mit persönlichen Informationen oberstes Gebot.
Fotocredits: Sebastian Czub

Großes Aufsehen erregte Matthias L., als er 2009 die Inhalte Tausender SchülerVZ-Profile scannte und speicherte. Mit einem „Crawler“ gelang es dem damals 20-Jährigen, etwas zu tun, was eigentlich jeder kann – nur eben schneller. In nahezu allen sozialen Netzwerken legt der Benutzer selbst fest, welche Informationen für die „Öffentlichkeit“ zugänglich sind und welche nicht. Je nachdem, was man in seinen Einstellungen hinterlegt hat, werden Bilder, Namen und E-Mail-Adressen von Personen angezeigt, zu denen (noch) keine Beziehung besteht. Crawler durchsuchen Datenbanken nach öffentlichen Informationen und speichern diese in Sekundenschnelle von Tausenden von Profilen. Dadurch bietet sich den Nutzern die Chance auf weitere Vernetzung, unliebsamen „Gästen“ aber auch die Möglichkeit, Daten auszuspähen.

SchülerVZ behob die Sicherheitslücke und auch andere Anbieter ließen unverzüglich mitteilen, dass die bei ihnen gespeicherten Angaben vor Missbrauch geschützt seien. So weit, so gut. Sicherlich ist es dennoch ratsam – nicht nur im Hinblick auf potenzielle Arbeitgeber, sondern auch im eigenen Interesse – klare Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit zu ziehen. Hilfreiche Tipps zu den Do’s und Don’ts im Netz gibt der Online-Knigge am Ende des Artikels.

You can’t always get what you want
Wer auf verschiedenen Rechnern schon einmal parallel dieselbe Suchanfrage bei Google eingegeben hat, kann den Eindruck bekommen, als gäbe es nicht nur ein Internet. Es sind zwar alle Informationen auffindbar, allerdings bekommt nicht jeder Benutzer dieselben Daten zu Gesicht. Die Fachwelt nennt dieses Phänomen „Filterbubbles“. Sie beschreiben die Auswahl, die zum Beispiel bei Googles Suchmaschine eingesetzt wird. Denn nicht nur die Wortwahl beeinflusst die Ergebnisse der bekanntesten Suchmaschine der Welt. Auch bisherige Suchen und deren Ergebnisse haben Einfluss auf das Ergebnis.

Ein Beispiel: Für das Referat über den Job des Maschinenbauers suche ich bei Google nach einer Schraube, genauer gesagt nach einer „Mutter“. Auf der dritten Seite findet sich ein schönes Bild, das ich auch verwenden darf. Völlig unbemerkt speichert Google diesen Vorgang. Suche ich eine Woche später nach einem Geschenk für meine Mutter, werden mir plötzlich Schrauben vorgeschlagen, da die Suchmaschine „denkt“, das könnte mir gefallen. Schließlich hatte ich mich in der vergangenen Woche schon dafür interessiert. Sie lernt dazu und schneidet Suchergebnisse individuell auf mich zu.

Filterbubbles isoliert uns also vor Dingen, die wir zum einen – so nimmt Google an – (wahrscheinlich) nicht sehen wollen und zum anderen vor Dingen, an denen wir uns stoßen könnten. Eli Pariser, Autor und Geschäftsführer einer Internetplattform, warnt in seinem Buch „The Filter Bubble“ davor, dass wir uns dadurch vor neuen Ideen und vor wichtigen Informationen verschließen. Google+ ist als soziales Netzwerk für viele eine riesen Chance, da hier die Informationen, die ein Benutzer von sich freigibt, gelenkt werden können. Partyfotos sollen nur von Freunde, nicht aber von der Familie oder dem Arbeitgeber gesehen werden. Diese Selektion ist sehr unkompliziert und der große Vorteil von Google+. Die Tatsache jedoch, dass angegebene Interessen, Hobbys und Reiseziele auch die Ergebnisse der Suchmaschinen beeinflussen, ist ein Risiko, dessen man sich bewusst sein sollte.

Eltern sorgen sich, wir amüsieren uns
Das Risiko ist bekannt, und trotzdem platzen Onlineprofile vor neuen Statusmeldungen. Als wären die „Vorlieben und Interessen“ schon nicht genug, finden sich immer mehr Pinnwände auf Facebook, die einem Tagebuch gleichen. „Gerade aufgestanden, keine Lust auf Schule“ oder „Endlich Pause, jetzt schnell zum Bäcker“ sind Informationen, die viele für so wichtig halten, dass es all ihre Freunde erfahren sollten. Innerhalb der Generationen finden diese Posts allerdings unterschiedlichen Anklang: „Ich finde es nicht schlimm, wenn andere wissen was ich tagtäglich mache. Individuelle Werbung ist toll, damit kann ich viel Zeit sparen”, sagt die 19-jährige Studentin Sandra B. Ihre 53-jährige Mutter hingegen sieht das anders: „Bei Facebook bin ich nur angemeldet, weil ich einfach neugierig war, was meinen Kindern daran gefällt. Ich selbst nutze Facebook nicht und war nach dem ersten Umschauen nicht mehr online.“

Laut der JIM Studie 2010 haben zwei Drittel aller jugendlichen Surfer in Deutschland Fotos von sich hochgeladen. Von den über 60-Jährigen hingegen nutzen laut der ARD-Onlinestudie 2011 nur 34,5 Prozent das Internet. Woher kommt dieser Unterschied im Gebrauch und in der Wahrnehmung? Liegt es an der Generation der „digital natives“, die ohne ständige Erreichbarkeit nicht mehr lebensfähig wären? Liegt es an dem Leistungs- und Zeitdruck von G8 und Bachelor/Master, dass sich Jugendliche nur noch den Informationen widmen, die für sie vermeintlich relevant sind? Oder liegt es daran, dass sich hier die jugendliche Neugierde und Naivität an den Lebenserfahrungen der Erwachsenen beißt?

Alle meine Freunde – und noch mehr
In Europa und den USA vertreiben sich immer mehr Leute, ob Jung oder Alt, ihre Zeit mit „Farmville“ oder „Mafia Wars“, kommentieren die Fotos ihrer Freunde oder laden zu ihren Partys sein. Laut einer Studie von Stiftung Warentest nutzen 85 Prozent der 12- bis 24-Jährigen mehrmals pro Woche soziale Netzwerke. 30 Prozent wurden schon mal online belästigt und 13 Prozent fanden Fotos von sich, zu deren Veröffentlichung sie überhaupt keine Einwilligung gegeben hatten. Heutzutage müssen Jugendliche keine Topmodel-, Popstars- oder DSDS-Show mehr besuchen, um bundesweit bekannt zu werden. Heutzutage reicht ein Video auf Youtube, um von Plattenfirmen unter Vertrag genommen zu werden. Erstaunlicherweise schaffen es immer wieder Komiker wie „The Gregory Brothers“, mit ihren Videos Millionen von Menschen zu begeistern.

Manchmal reicht auch ein falsch gesetztes Häkchen z. B. bei Facebook aus, damit einem die Fans die Türen einrennen. Tessa hatte wohl die bekannteste und größte Feier zu ihrem 16. Geburtstag. Über 1.500 Gäste schauten in Hamburg bei ihrer Feier vorbei, zu der sie nur für einen kurzen Moment durch Anklicken eines falschen Häkchens jedermann eingeladen hatte. Obwohl sie diesen Fehler zeitnah korrigierte, kamen Hunderte von Menschen. Was blieb, waren zerstörte Vorgärten und verärgerte Nachbarn. Facebook bringt also auch ganz real Menschen zusammen – manchmal mit ungeahnten Folgen.

Bruce Willis Wald und Nathalie Portman Halle?
So auch in der baden-württembergischen Kleinstadt Schwäbisch Gmünd. Hier hatte der Gemeinderat eine vermeintlich clevere Idee: Der neu gebaute Tunnel war noch namenlos und so dachten Lokalpolitiker  daran, moderne Kommunikationswege zu nutzen, um einen Namen zu finden und gleichzeitig Partizipation der Bürger an politischen Entscheidungen zu ermöglichen. Doch der Gemeinderat unterschätzte die Geschwindigkeit des Internets. Via Facebook und Twitter sammelten sich kurzerhand Tausende Menschen aus ganz Deutschland, die für einen „Bud-Spencer-Tunnel“ ihre Stimme abgaben. Carlo Pedersoli freute sich mit seinen 40.000 Facebook-Fans über den Tunnelnamen und über die zusätzliche Publicity für seine kürzlich erschienene Biografie. Über Nacht wurde der Tunnel bundesweit bekannt. Öffentlich-rechtliche und private Sender waren mit ihren Kommentatoren live vor Ort. Doch das Ende vom Lied ist alles andere als gelungene Partizipation: Natürlich war nach einem Namen eines Lokalmatadoren gesucht worden – und nicht nach dem eines amerikanischen Schauspielers. So kam es, wie es kommen musste: Der Tunnel hat noch immer keinen Namen. Doch dafür hört das örtliche Schwimmbad jetzt auf den Namen Bud Spencer. Erstaunlich ist außerdem, dass gerade einmal einem Gemeinderatsmitglied aufstieß, welchen Vertrauensverlust diese Vorgehensweise bei der Bevölkerung wohl hinterlässt.

Soziale Netzwerke bieten eine Bandbreite von Informations- und Meinungsaustausch. Und je nachdem wie man sich daran beteiligt, profitiert man mehr oder weniger. Klar ist allerdings: Jede Nachricht, Information oder Meinung ist einmal gepostet für jedermann nutzbar, egal, ob der Absender das will oder nicht. Deshalb ist man gut beraten, erst über die Wirkung und Verbreitung seiner Posts nachzudenken, bevor der Mausklick nahezu unwiderrufliche Tatsachen schafft.       

Credits: Leefje Roy

Online-Knigge

So verhältst du dich im Netz richtig:

l Meinungen von Fakten unterscheiden
Blogs dienen vielen Internetbenutzern als Forum, um in die öffentliche Debatte einzusteigen. Dabei vermischt sich die eigene Meinung leicht mit Fakten oder sogar Halbwissen. Erst denken, dann reden.

l Privatmensch oder Hiwi?
In öffentlichen Foren und vor allem in den Kommentarfunktionen darf jeder seine Meinung kundtun. Privat ist das in Ordnung. Wer in seiner Rolle als Hiwi oder Praktikant agiert, sollte jedoch mit Meinungsäußerungen vorsichtig sein.

l Sicherheitseinstellungen
Um zu verhindern, dass fremde Personen auf persönliche Daten zugreifen können, sollten alle Informationen nur für engste Freunde freigegeben werden.

l Respektvoller Umgang
Eigentlich selbstverständlich ist der respektvolle Umgang miteinander auch in der virtuellen Freundeswelt. Und doch ist Cybermobbing aktueller denn je. Deshalb gilt: Meinungen anderer so respektieren, wie man es auch selbst erwartet.

l Sich selbst googeln
Zur Sicherheit mindestens einmal im Monat nach dem eigenen Namen googeln. So werden Fotos und Texte, die andere ohne die eigene Zustimmung hochgeladen haben, schnell sichtbar und können entfernt werden. 

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 04/2011

    Der Autor: Jan Zaiser

     

    Jan Zaiser (22) studiert an der Dualen Hochschule Ravensburg Werbung und Marktkommunikation. Er ist im Geschäftsführenden Vorstand der Jugendpresse Baden-Württemberg.

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