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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Medienkonvergenz
Siegeszug der multimedialen Alleskönner?

Aus vier wird eins: Früher waren Fernseher, Radio, Telefon und Zeitung klar voneinander getrennt, heute aber werden Mediengeräte zu multimedialen Alleskönnern. Dieses Zusammenwachsen der Medien wird als Medienkonvergenz bezeichnet. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Und welche Folgen hat diese Entwicklung?

Jesse Owens starrt auf die Aschebahn. 100 Meter liegen vor ihm. Er schluckt. Einmal, zweimal. Dann streckt er sich, die Hände ruhen noch auf dem Boden. Sein ganzer Körper spannt sich wie der eines Geparden vor der Jagd. Über seine Stirnziehen sich Falten. Noch eine Sekunde. Da knallt der Startschuss. Owens stößt sich ab, drückt die Beine durch, schwingt sich nach oben. Das alles in Bruchteilen von Sekunden. Schneller als seine fünf Kontrahenten. Owens hat einen Weltklasse-Start hingelegt, schon nach Sekunden liegt er Meter voraus. Die Zeit fliegt mit, nach exakt 10,2 Sekunden erreicht er die Ziellinie. Jesse Owens hat den Weltrekord geknackt – und ist zu einem der ersten Fernsehstars geworden. Die Bilder von damals sind noch immer legendär.

Vom technischen Novum …
Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren das erste mediale Großereignis, das im Fernsehen übertragen wurde. Eine technisches Novum – wenn auch von den Nazis zur Propaganda missbraucht. Doch nur ein geringer Teil der Deutschen konnte die Übertragung der Spiele vor den Fernsehgeräten mitverfolgen. Kaum jemand konnte sich die teuren, meist handgefertigten Geräte leisten. Fernseher waren Mangelware, bewegte Livebilder purer Luxus. Viele Zuschauer trafen sich stattdessen in sogenannten Fernsehstuben – wie heute beim Public Viewing, nur auf kleinen Fernsehern. Doch die meisten Zuschauer empfingen die Berichter­stattung über ein anderes Medium: das Radio. Jesse Owens Weltrekord wurde, wie viele andere sport­liche Höhepunkte der Olympischen Spiele über das Radio gesendet. Über 40 Rundfunkanstalten waren 1936 in Berlin vor Ort, insgesamt produzierten sie über 3000 Sendungen. Die Trennung von Radio und Fernsehen war damals selbst­verständlich. Während das Fernsehen mit eindrucksvollen Bildern lockte, musste das Radio nur mit gesprochener Sprache auskommen. Das Fernsehprogramm über die Olympischen Spiele bestand meist aus einer zweistündigen Sendung am Morgen und einer vierstündigen Sendung am Abend. Wer zu diesen Zeiten nicht konnte, dem entgingen die Fernsehbilder.

… zur Selbstverständlichkeit
Viele technische Errungenschaften aus der Medienwelt erscheinen uns heute selbstverständlich. Bestes Beispiel dafür waren die Olympischen Spiele 2012. Vieles hat sich getan in den ver­gangenen 76 Jahren, seit der ersten TV-Aufzeichnung der Olympischen Spiele. Dieses Jahr stand Usain Bolt als Favorit in den Startlöchern für den 100-Meter-Lauf. Weltrekordzeit lief er allerdings „nur“ mit der 4x100m-Staffel. Doch für die Zuschauer, die die Olympischen Spiele nur über die Medien mitverfolgen, hatten diese Spiele kaum mehr Gemeinsamkeiten mit den Spielen 1936. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender boten nicht nur für Fernsehzuschauer eine ausführliche Berichterstattung, sondern zeigten ihre Bilder auch online. Zuschauer konnten jederzeit in den Mediatheken auf Bilder zugreifen und über Facebook und Twitter die Ereignisse kommen­tieren. Als Usain Bolt auf 100 Meter Gold gewann, waren es immerhin 74 000 Tweets pro Minute. Die Inhalte sind heute längst losgelöst von dem Medium, für das sie ursprünglich gedacht waren – ebenso gibt es die Möglichkeit, interaktiv die Inhalte mitzugestalten.

Das Smartphone als Exempel
Via Smartphone ist es heutzutage möglich, Fernsehbilder, Texte der Onlineportale und die Radioübertragungen zu empfangen – alles mit einem Gerät, das ursprünglich der Telefonie diente. Das Smartphone ist damit das beste Beispiel für eine revolutionäre Entwicklung in der Medientechnik: Fernseher, Radios und Tages­zeitungen sind zwar noch nicht ausgestorben. Doch wer TV-Bilder sehen möchte, muss heute längst keinen Fernseher mehr besitzen. Wer Hörfunk hören will, braucht dafür kein Radio mehr. Und wer Berichterstattung in Schriftform lesen will, muss keine Zeitung mehr abonnieren. Bild, Text, Ton sind längst miteinander verwoben und nicht mehr an ein bestimmtes Medium gebunden. Wissenschaftler nennen diese Entwicklung „Medienkonvergenz“. Doch damit ist nicht nur der Bedeutungsverlust klassischer Medien wie Radio, Fernsehen und Zeitung gemeint: Die Konvergenz, also das „Sichzueinanderneigen“ der Medien, erfasst sowohl inhaltliche als auch technische Aspekte. Ehemals getrennte Kommunikations- und Medienbereiche wachsen zusammen. Heute kann man mit dem Handy Radio hören, via Internet telefonieren oder am Computer fernsehen.          

Mehr als Cross-media
Der inhaltliche Aspekt ist stark verknüpft mit dem Begriff „Cross-media“. Also an Inhalte, die medienübergreifend produziert und angeboten werden. Die Olympia-Berichterstattung ist ein Beispiel dafür, aber auch „Harry Potter“ oder „Batman“. Diese Inhalte sind nicht mehr nur an ein Buch oder ein Comic-Heft gebunden. Auch in Filmen, Computerspielen oder im Internet werden sie vermarktet. Über soziale Netzwerke kommunizieren die Nutzer über die Inhalte, teilen Bilder, Texte und Videos oder kreieren selbst Inhalte, indem sie vorhandene Inhalte mit neuen Ideen weiterspinnen. So finden sich auf dem Filmportal Youtube zum Beispiel zahlreiche Satirefilme bekannter Kinofilme, bei denen die Tonspur mit regionalen Dialekten unterlegt wurde.

Aber auch für die journalistische Arbeit ergeben sich neue Herausforderungen: Das ZDF-Heute-Journal zum Beispiel bietet längst im Internet eine „Plus-Version“ an, bei der die Zuschauer interaktiv teilhaben können und so während der Sendung zusätzliche Informationen in Text- oder Bildform abrufen können. Die wichtigste Voraussetzung für die inhaltliche Konvergenz ist die technische Entwicklung. Immer kleinere Computerchips, bessere Komprimierungsmöglichkeiten und schnellere Übertragungswege machen cross-mediale Inhalte erst möglich. Ein Extrem der Medienkonvergenz stellt das sogenannte Cloud-Computing dar, bei dem die Computerdaten nur noch auf einem Netzwerk lagern und von dort unabhängig vom Standort des Nutzers und losgelöst von einem zugehörigen Medium zugänglich sind.

Vom Computerhersteller zum Musikverkäufer
Doch nicht nur für die Nutzer ändern sich die Zeiten. Auch Unternehmen, die mit Medieninhalten Geld verdienen wollen, winken neue lukrative Geschäftsmodelle. Ein Beispiel dafür ist der Computerhersteller Apple. Ursprünglich hatte er als Computerhersteller begonnen, heute ist Apple der größte Musikverkäufer und vereint mit der Plattform iTunes unter anderem Filme, Musik, Hörbücher und Podcasts.

Doch welche Folgen hat die zunehmende Medienkonvergenz? Bisher scheinen die Neuen Medien die klassischen Medien nicht vollständig zu ersetzen. Eher stellen sie eine Erweiterung dar. Wohin die Entwicklung geht, ist schwer vorherzusagen – und vor allem abhängig von uns, den Nutzern. Kleine multimediale Alleskönner gibt es heute bereits. Immer kompakter, immer schneller – das ist ein Trend. Doch ein Smartphone kann kein Kinoerlebnis bieten.

Ebenso gehen seit Jahren die Auflagenzahlen der (Tages-)Zeitungen und Zeitschriften zurück, es gibt sie aber dennoch weiterhin. Und die Auflagen der meisten Magazine und Zeitschriften sind sogar konstant. Noch scheint es kein Gerät zu geben, das für Bilder, Texte, Ton, Telefonie und Internet so perfekt geeignet wäre, dass alle anderen Medien überflüssig wären. Doch wer weiß, was die Technik in Zukunft bringt? Als die Zuschauer 1936 vor den Radios und den wenigen Fernsehern verfolgten, wie Jesse Owens den Weltrekord knackte, hätten sie sich kaum erträumen können, dass sie 76 Jahre später dafür nur noch ein Mobiltelefon benötigen würden.

Der Inhalt in Stichpunkten:

Berichterstattung früher und heute im Vergleich
Begriffsdefinition Medienkonvergenz
Beispiele für inhaltliche Konvergenz
Beispiele für technische Konvergenz
Was bedeutet die Entwicklung für den Nutzer?
Die Zukunft der technischen Entwicklung

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 04/2012

Der Autor: Andreas Spengler

Andreas Spengler hat Politik- und Medienwissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. Er hat unter anderem bereits für die Financial Times Deutschland und die Süddeutsche Zeitung berichtet und war Chefredakteur von NOIR, dem jungen Magazin der Jugendpresse BW.. 2010 gewann er den Alternativen Medienpreis mit einem Artikel in der NOIR.

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