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Jugendliche und der Umgang mit Geld. Die Finanzkrise als Lehrstück

Ein Bankensystem am Ende, ganze Staaten vor der Pleite und eine Bürgerbewegung, die dagegen aufbegehrt: Die vergangenen Jahre waren geprägt von der Finanzkrise. Doch wie haben junge Menschen darauf reagiert? Wie gehen Jugendliche heute mit ihrem Geld um und welche Lehren können sie daraus ziehen?
wdv - Bernhard Rüttger

Aus 250 Metern Höhe wirkt der Protest nur noch wie Konfetti-Schnipsel im Wiesengrün: vom höchsten Finanzturm Deutschlands, dem Commerzbank-Tower in Frankfurt, scheint die bunte Zeltstadt der Occupy-Bewegung ganz klein und fern. Ringsum strecken sich die Wolkenkratzer der Banken in die Höhe. Hundert Meter unter dem Betrachter: das Dach der Europäischen Zentralbank, dem Haus der Euro-Hüter. Und auf der kleinen Wiese davor, ganz unten: der Protest in bunten Kuppelzelten, mit Schildern in den Händen und Plakaten auf Stellwänden. Hier bekommt er ein Gesicht; hier entlädt sich die Wut von Menschen, die das Finanzsystem längst als Bedrohung sehen.

Frankfurt ist zum Mikrokosmos einer Gesellschaft in der Krise geworden. Die Bankentürme werden zum Sinnbild für Spekulanten, Bänker und Finanzjongleure. Die Zeitschriften titeln „Geht die Welt bankrott?“ (Spiegel, 2011), „Gelduntergang“ (Spiegel, 2011) oder „Das große Beben“ (Zeit, 2008). Doch in der Debatte wird ein Aspekt oft übersehen: Was bedeutet die Finanzkrise eigentlich für Jugendliche? Wie gehen junge Menschen heute mit ihrem Geld um und das in einer Zeit, in der sie erfahren müssen, dass ganze Staaten pleitegehen können.

Protest gehört dazu
Unter der Occupy-Bewegung sind viele junge Menschen und dennoch: Eine echte Jugendbewegung ist sie nicht. Eine Umfrage in Österreich im November 2011 brachte gar ernüchternde Zahlen: Lediglich 41 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren kannten die Occupy-Bewegung. Doch mehr als 60 Prozent davon gaben an, die Bewegung sei wichtig, sagt das Institut für Jugendkulturforschung in Wien.

In Deutschland zeigen sich die meisten Jugendlichen bisher kaum von der Finanzkrise betroffen. Das ist auch das Ergebnis einer Umfrage des Deutschen Bankenverbandes von 2009. Doch bei den 14- bis 24-Jährigen zeigt sich ein anderes gravierendes Problem: „Zu ökonomischen Sachverhalten gibt es bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen teilweise erhebliche Wissenslücken“, schreibt der Bankenverband. Auch bei der ökonomischen Bildung von Jugendlichen liege „vieles im Argen“.

Doch damit nicht genug: Auch wenn es um das eigene Geld geht, tun sich bei Jugendlichen oft Fragezeichen auf. Ihnen fehle es an „grundlegendem Wissen über Geld und Finanzen“, ergibt die Studie. Fast jeder zweite junge Befragte räumt ein, dass er sich in Geld und Finanzfragen „kaum“ oder „gar nicht auskennt“.

Globale Zusammenhänge erkennen
Hier ist also Transparenz nötig, damit die Ursachen und Folgen der Krise verstanden werden können. Auf den ersten Blick hat die unvorsichtige Kreditvergabe der Banken an Bauherren in Amerika nichts mit der Staatsverschuldung Griechenlands zu tun. Doch es gibt sehr wohl einen Zusammenhang. Denn dem Geld sieht man nicht an, woher es kommt und für welchen Zweck es gebraucht wurde. Und so zieht sich der rote Faden ganz schnell vom amerikanischen Häuslebauer bis zu den europäischen Banken und den Verbrauchern. „Mit billigen Krediten kaufen die Leute, was immer ihnen vor die Augen kommt: noch mehr Aktien und Zertifikate, noch mehr Häuser – und vor allem konsumieren sie. Auf dem Papier werden sie immer reicher, ob sie je die Schulden zurückbezahlen, ist in diesem Moment egal“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Fredmund Malik in einer Kolumne im Manager Magazin. Als Tausch für den Kredit erhält die Bank einen Wertbrief. Mit diesem handelt sie weiter, als wäre er bares Geld. Auch die Banken untereinander leihen sich Geld. Ebenso verleihen die Banken den Staaten Geld, dafür erhalten die Banken sogenannte Staatsanleihen. Und vor allem leiht der Bürger sein Geld den Banken, wenn er auf ein (Spar-)Konto einzahlt.

Das gesamte Geldsystem besteht also aus einem Geben und Nehmen, so wie der Handel auf einem Markt. Das funktioniert meistens gut. Doch was geschieht, wenn sich herausstellt: Der Bauherr in den USA kann die Schulden nicht zurückzahlen, weil sein Haus fast nichts mehr wert ist. Plötzlich gibt es zu viele Häuser für zu wenige Käufer. Dann fliegt das ganze System um wie Dominosteine: Die Wertbriefe, die die Bank verkauft hat, als wären sie bares Geld, sind plötzlich fast wertlos. Den Banken, die mit solchen Wertbriefen gehandelt haben, fehlt nun Geld, genau wie allen anderen Banken, die diesen Pleitebanken Geld geliehen haben. Selbst das Geld der Anleger ist in Gefahr, denn auch sie haben den Banken ihr Geld ebenfalls nur geliehen.

Eigenes Verhalten überdenken
Genau das ist bei der Finanzkrise geschehen. Die Finanzkrise kann eine Mahnung sein, gerade für Jugendliche. Denn was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen: Wer auf Pump lebt, sich ständig Geld leihen muss oder versucht, alles in Raten zu bezahlen, der sollte sein Konsumverhalten überdenken, sonst droht bald die Finanzkrise im eigenen Geldbeutel. Besonders tückisch: das bargeldlose Bezahlen. In Zeiten von EC- und Kreditkarten wirkt das Bezahlen oft wie ein Spiel. Der Ernst folgt meist erst beim Blick auf den Kontoauszug. Experten raten deshalb, regelmäßig seine Kontoauszüge zu überprüfen, um stets den Überblick zu behalten. Noch leichter und schneller geht das mit Onlinebanking. Vorher sollte man sich aber genau von seiner Bank über das Onlinebanking informieren lassen. Auch von undurchsichtigen Kreditmöglichkeiten wie dem Dispokredit sollten junge Menschen die Finger lassen. Dispokredit wird das Überziehen des Girokontos genannt. Das ist meist mit sehr hohen Zinsen verbunden, warnen Experten. Jugendliche unter 18 Jahren dürfen ohnehin keinen Dispokredit aufnehmen. Wer sich seinen Traum vom ersten eigenen Auto, einem neuen Handy oder einem teuren Laptop verwirklichen möchte, sollte am besten so lange sparen, bis das benötigte Geld auch wirklich verdient ist.

Doch wie klappt das Sparen? Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, mindestens zwei Konten zu haben: ein Spar- und ein Girokonto. Das Sparkonto – wie der Name sagt –, um langfristig Geld anzulegen und darauf Zinsen zu bekommen. Das Girokonto für den Alltag, um tägliche Beträge zu bezahlen. Banken empfehlen ein Girokonto für Jugendliche ab 14 Jahren. Für Schüler und Studenten sind Girokonten meistens kostenlos. Der Nachteil des Girokontos: Man bekommt kaum Zinsen. Deshalb sollte man nur soviel Geld aufs Girokonto legen, wie unbedingt nötig.

Schuldenfallen vorbeugen
Und doch verschulden sich Jugendliche immer wieder. In diesem Fall empfehlen Experten, einen ausführlichen Finanzplan aufzustellen. Zunächst sollte man versuchen, die Ausgaben zu reduzieren. Tipps dafür gibt es viele: Bei Verträgen das Kleingedruckte aufmerksam lesen, auf günstige Angebote im Supermarkt achten, Mitfahrgelegenheiten nutzen, bei Strom und Wasser sparen oder Sommer- und Winterschlussverkäufe nutzen. Doch was tun, wenn ein bewusstes Einkaufsverhalten nicht genug ist. Schließlich möchte niemand ganz aufs Einkaufen verzichten; viele Dinge sind kein Luxus, sondern schlicht lebensnotwendig. Wenn man damit nicht mehr weiterkommt, hilft nur eines: die Einnahmenseite anzugehen, also Geld zu verdienen. Zum Beispiel mit einem Ferienjob oder dem Jobben neben der Schule oder dem Studium.

Sparen liegt im Trend
Doch Studien zeigen heute bereits, dass Jugendliche sparsamer sind als ihr Ruf. Nach einer Studie der Deutschen Bank von 2011 legen Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 24 Jahren im Monat von rund 500 Euro mehr als ein Fünftel auf die hohe Kante. Das ist deutlich mehr als ein Durchschnittshaushalt, vielleicht auch, weil Jugendliche seltener laufende Kosten wie Strom oder Mietkosten bezahlen müssen.

In Frankfurt und in anderen Städten Europas geht derweil die Occupy-Bewegung weiter. Die Krise zu lösen ist vielleicht unmöglich. Sie zu verstehen wäre ein erster Schritt – auch für junge Menschen, um selbst bewusster mit dem eigenen Geld umgehen zu können.

 

Der Inhalt in Stichpunkten:
Finanzkrise: Was versteht man darunter?
Occupy-Bewegung: Wogegen protestieren die  Anhänger?
Ergebnisse aus Jugendstudien zum Thema  „Jugendliche und die Finanzkrise“   Globale Zusammenhänge zwischen Finanz-  und Immobilienkrise
Erwerb von Finanzkompetenz: Wie gehe ich mit Geld um?
Eigene Bankgeschäfte: Wie funktioniert das mit dem Girokonto bzw. Sparen?    Gefahren bargeldlosen Einkaufens – insbesondere im Internet
Schuldenfalle „Handy“

 

Erschienen in JUST-Ausgabe 01/2012

Der Autor: Andreas Spengler

Andreas Spengler hat Politik- und Medienwissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. Er hat unter anderem bereits für die Financial Times Deutschland und die Süddeutsche Zeitung berichtet und war Chefredakteur von NOIR, dem jungen Magazin der Jugendpresse BW.. 2010 gewann er den Alternativen Medienpreis mit einem Artikel in der NOIR.

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