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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Ein Feature darüber, wie lange wir im Kinderzimmer wohnen bleiben.
Generation Nesthocker?

Kinderzimmer bleibt Kinderzimmer – auch wenn ein bereits erwachsener Mensch darin wohnt. 23 Jahre (Frauen) bzw. 25 Jahre (Männer) sind die Deutschen im Durchschnitt alt, wenn sie das Elternhaus verlassen – und der Trend geht dahin, dass der Auszug immer später stattfindet.
wdv - Michael Völler

Als Marianne von zu Hause auszieht, beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie sagt Lebewohl zu ihren Eltern, den sechs Geschwistern, den Hühnern und Ziegen. Am heftigsten schluchzt die jüngere Schwester, mit der sie sich das Zimmer teilte. Viel nimmt Marianne nicht mit: Neben Kleidung einige persönliche Dinge, Wäsche, Geschirr. In einer fremden Stadt, in der sie nur einen Menschen kennt, beginnt Mariannes neues Leben.

Wenn Marianne mit Sabrina über ihren Auszug von zu Hause redet, müssen beide schmunzeln und entdecken viele Gemeinsamkeiten: Sabrina hat einen Koffer und einen großen Wanderrucksack dabei, als sie in die neue Stadt kommt. Sie hängt ein Familienfoto über den Schreibtisch, als sie sich in ihrem neuen Zuhause einrichtet. Neben den Eltern und Geschwistern vermisst sie die zwei Hunde der Familie. In diesen Momenten ist Sabrina froh, dass Marianne ihre Situation nachvollziehen kann und immer ein tröstendes Wort und Schokolade für sie hat.

Auszug = neuer Lebensabschnitt
Bei allen Gemeinsamkeiten, die Marianne und Sabrina verbinden, trennen sie 63 Lebensjahre. Als Marianne 15 Jahre alt ist, tobt der Zweite Weltkrieg. Sabrina bekommt als 15-Jährige mit, wie aus der US-Immobilienkrise eine globale Finanzkrise wird. Marianne verlässt ihr Elternhaus als frisch vermählte Ehefrau, kümmert sich fortan um den Ehemann und bald darauf das erste Kind. Sabrina möchte nach dem Abitur raus aus der Kleinstadt, endlich an die Uni.

War vor zwei Generationen der Auszug von zu Hause meist mit Eheschließung und Familiengründung verbunden, haben sich diese Ereignisse heutzutage voneinander abgekoppelt. Wissenschaftler der Universität Bremen haben das Auszugsalter von Männern und Frauen verschie­dener Jahrgänge verglichen und weisen darauf hin, dass der Auszug immer häufiger zu einem eigenständigen Ereignis auf dem Weg  zum Erwachsenwerden ist – mit allen Vor- und Nachteilen, die dieser Schritt mit sich bringt. Junge Menschen haben die Möglichkeit, ihr Leben individuell zu gestalten. Gleichzeitig stehen viele von ihnen vor der Herausforderung, ohne abgeschlossene Ausbildung für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen.

Vollverpflegung und Taxiservice
Marco beginnt zur gleichen Zeit wie Sabrina sein Studium. Allerdings bedeutet dies für ihn nicht, die wichtigsten Sachen einzupacken, die Türe des Kinderzimmers bis zum nächsten langen Wochenende zu schließen und in einer neuen Stadt seinen Erstwohnsitz anzumelden. An dem Tag, als Marco in der Aula seiner Universität als Erstsemester begrüßt wird, steht er nur ein bisschen früher auf als sonst. Mit der Straßenbahn, die gefühlt an jedem Briefkasten hält, pendelt er fortan jeden Tag eine knappe Stunde an die Uni – von zu Hause aus. Nach einem anstrengenden Tag mit Vorlesungen, Seminaren und Lerngruppen serviert Mama warmes Essen und für die Fahrt zum Fußballtraining steht Papas Auto bereit. „Ich verstehe mich gut mit meinen Eltern, warum sollte ich also ausziehen?“, fragt Marco und schiebt nach, dass auch finanzielle Gründe den Ausschlag dafür gegeben haben.

Kühlschrank voll, Wäsche sauber
In der nahe gelegenen Unistadt ist bezahlbarer Wohnraum für Studenten rar, ohne Nebenjob könnte Marco sich hier keine Bleibe leisten. Sein Zimmer im Elternhaus würde sonst leer stehen und das Semesterticket ist ein Schnäppchen im Vergleich zu den Ausgaben für ein eigenes Zimmer. Darüber hinaus ist Marco froh, dass er sich zwischen Vorlesungen, der Prüfungsvorbereitung und Sprechstunden beim Professor nicht auch noch um einen eigenen Haushalt kümmern muss. „Das Studentenleben bringt so schon viele Neuerungen mit sich“, findet Marco – und ist froh darüber, dass Mama weiterhin die Waschmaschine bedient und den Kühlschrank füllt.

In den 1970ern, als Marcos Eltern jung waren, lag das durchschnittliche Auszugsalter noch bei 20 Jahren. Mittlerweile hat es sich deutlich nach hinten verschoben, obwohl junge Frauen meistens vor ihren männlichen Altersgenossen die Umzugskisten packen. Mehr als zwei Drittel der 18- bis 25-Jährigen leben in Deutschland noch zu Hause. Und in der Altersgruppe der 25- bis 30-Jährigen wird die Zahl derer, die noch im Elternhaus wohnen, immer größer, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen.

    

wdv - Michael Völler

Neues familiäres Rollenverständnis
Der Familien-Survey des Deutschen Jugendinstituts begründet dies unter anderem mit dem familiären Rollenverständnis, das sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert hat: War für die Generation von Marcos Eltern der Kampf um Autonomie untrennbar mit dem Erwachsenwerden verbunden, findet dieser heute immer seltener statt. Zum anderen wurden die Reibungspunkte zwischen den Generationen immer geringer, „da sich das Erziehungsideal von einem autoritären zu einem partnerschaftlichen Verhältnis entwickelt hat“, wie dem Survey zu entnehmen ist.

„Klar verstehe ich mich gut mit meinen Eltern – aber trotzdem musste ich nach 20 Jahren mal raus“, erklärt Josephine und schließt die Tür auf. „Meine ersten eigenen vier Wände“, sagt sie stolz und ergänzt: „Naja, zumindest teilweise – ich habe ein eigenes Zimmer, die übrigen Räume nutzen wir gemeinschaftlich.“ Wir, damit meint Josephine die 4er-WG, in die sie vor drei Jahren einzogen ist. Seitdem entscheidet sie selbst, wann sie aufsteht und das Bad putzt. Niemand schaut verdutzt, wenn sie sich nach Mitternacht ein Spiegelei brät, oder möchte wissen, wie die Freunde heißen, die zu Besuch sind.

Auch Eltern klammern
„Kind bleibt Kind“, ist sich Josephine sicher, „auch wenn das Kind irgendwann erwachsen ist.“ Sie ist sich sicher, dass sie ohne ihren Auszug nie so schnell selbstständig geworden wäre. „Ich glaube, meine Eltern hatten an meinem Auszug mehr zu knabbern als ich“, blickt die Studentin zurück: „Während für mich alles neu und spannend war und mit dem Studium ein neuer Lebensabschnitt begann, blieben meine Eltern alleine in unserem großen Reihenhaus zurück.“ Tatsächlich sind es nicht nur die Kinder, die an der gemeinsamen Wohnung mit den Eltern festhalten. Besonders Mütter haben Angst vor einem stillen und leeren Haus – Experten sprechen hier von einem „Empty-Nest-Syndrom“. So klammern nicht selten auch die Eltern, bemuttern den längst erwachsenen Nachwuchs und beseitigen stillschweigend seine schmutzigen Socken, anstatt loszulassen.

Studenten bevorzugen Wohngemeinschaften
Wer an den Rundumservice der Eltern gewöhnt ist, sieht immer weniger einen Grund, sich auf eigene Beine zu stellen. Entwicklungspsychologen warnen vor einem zu langen Nesthockertum: Durch die sogenannte Spät-Adoleszenz setzt alles später ein und die Betroffenen hinken ihren Altersgenossen in sämtlichen Punkten hinterher: Partnerwahl, Familiengründung, aber auch das autonome Selbstwertgefühl. Nach der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ist das Wohnheim eine beliebte Wohnform unter Studenten: 2009 entschieden sich 12,4 Prozent für das gemeinschaftliche Wohnen mit Kommilitonen. Spitzenreiter bei den studentischen Wohnungen ist die Wohngemeinschaft mit 25,8 Prozent, kurz darauf folgt bereits die elterliche Wohnung, in der 23,4 Prozent während des Studiums leben. 17,2 Prozent leben allein in einer Wohnung, 19,9 mit dem Partner. Nur 1,5 Prozent der Studenten wohnen zur Untermiete.

Zu diesem geringen Prozentsatz gehört Sabrina, die in einer eher ungewöhnlichen Wohnkonstellation lebt: Die 63 Jahre ältere Marianne ist ihre Vermieterin. Sabrina hat ihr eigenes Zimmer und teilt den Rest der Wohnung mit der alten Dame, wie es ihre Kommilitonen mit Gleichaltrigen tun. „Nein, ein Mutterersatz ist Marianne nicht“, sagt Sabrina bestimmt, vielmehr ergänzt sich das ungewöhnliche Wohnduo gegenseitig: Sabrina springt ein, wo Marianne im Alltag Hilfe benötigt – dafür ist der Preis, den sie für das Zimmer in der Wohnung der Witwe zahlt, ziemlich gering. Und wenn Sabrina unterwegs ist, um Behördengänge für Marianne zu erledigen, steht abends ein dampfender Eintopf auf dem Tisch.

Auslandssemester: Auszug auf Probe
Marco möchte nicht auf ewig ein Nesthocker bleiben – „ich mache jetzt meinen Bachelor und danach mal sehen – aber meinen Master würde ich gerne in einer anderen Stadt machen“. Das hieße, das Kinderzimmer endgültig zu räumen. Bis dahin ist zum Glück noch etwas Zeit. Und davor steht ein Auslandssemester auf dem Plan – ein Auszug auf Probe sozusagen. Den Platz in einem internationalen Studentenwohnheim hat er schon sicher. „Ich bin gespannt, wie ich zurechtkomme“, freut er sich auf die neue Erfahrung.

Umgestaltung des Kinderzimmers
Josephine zog während des Studiums für ein halbes Jahr zurück zu ihren Eltern. „Das hat sich so ergeben“, blickt sie zurück: „Mein Studium beinhaltet ein verpflichtendes Praktikum und ich habe von einem Betrieb in der Nähe meiner Eltern die Zusage bekommen.“ Plötzlich soll sie wieder die Essenszeiten einhalten, auf die ihre Eltern so viel Wert legen. Sie, die sich mittlerweile in ihrer Studentenbude gut organisiert hat und während des Praxissemesters wie ihre Eltern von morgens bis abends arbeitet, soll wieder Kind sein. „Da habe ich gemerkt: Das passt nicht zusammen. Ich bin gerne bei meinen Eltern – mal übers Wochenende, zu Festen oder eine Woche während der Semesterferien, aber dann reicht es auch wieder.“

Als Sabrina nach dem Ende des Praxissemesters zurück in ihre WG zieht, nimmt sie ihre letzten Erinnerungsstücke aus dem Zimmer mit in die Studentenbude und bittet ihre Eltern, den Maler anzurufen. Das Kinderzimmer brauche dringend einen neuen Anstrich. Und würde ein bequemes Schlafsofa darin nicht hübscher aussehen als das alte Bett? Es war höchste Zeit, sich vom Kinder­zimmer zu verabschieden.

Der Inhalt in Stichpunkten:
Durchschnittsalter beim Auszug aus dem Elternhaus
Gründe für den Auszug und die Veränderungen in den letzten beiden Generationen   Der Auszug als neuer Lebensabschnitt
Warum auch noch über 20-Jährige zu Hause wohnen
Was in den Eltern vorgeht, wenn Kinder ausziehen
Folgen eines zu langen Nesthockertums
Studentische Wohnformen

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 05/2012

Die Autorin: Miriam Kumpf

 

Miriam Kumpf: Die 26-Jährige gründete in der 11. Klasse eine Schülerzeitung, da ihre Deutschlehrerin das ambitionierte Ziel hatte, den Schülerzeitungswettbewerb zu gewinnen. Aus dem Sieg wurde nichts, aber die Leidenschaft für Medien ist geblieben. Heute engagiert sie sich im Vorstand der Jugendpresse BW für junge Medienmacher.

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