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Essen in der Schule
Genuss pur oder notwendiges Übel

In Zeiten von Ganztagsunterricht und G 8 wird die Schule unter der Woche immer mehr zum Lebensmittelpunkt junger Menschen. Dadurch steigen die Anforderungen an die Mittagsverpflegung in den Schulkantinen. Schmackhaft und abwechslungsreich sollen die Gerichte sein, nicht zu teuer und natürlich gesund. Doch wie sieht die Realität an deutschen Schulen aus?
wdv - Dominik Asbach

Der Gong zur Mittagspause ertönt und mit ihm knurrt der Magen von Lars. Auf dem Speiseplan seiner Schulcafeteria stehen mal wieder Nudeln mit Käsesoße für 3,80 Euro oder Currywurst mit Kar­toffelecken für 4,50 Euro. „Die Preise sind für die niedrige Qualität des Essens viel zu hoch“, findet der 14-Jährige, der in die 8. Klasse geht. „Frische Sachen, so wie ich sie bei uns zuhause zu essen bekomme, habe ich hier noch nicht gesehen“, beklagt er. Statt frischer Zutaten und knackigen Gemüses werden Fertigmischungen angerührt. Das Resultat sind verkochte Pasta und gummiartiges Fleisch. Und selbst wenn Lars dort essen wollte – bei den hohen Preisen wird er dort von den zwei Euro, die ihm seine Eltern für die Mittagspause mitgeben, kaum satt. Also kauft er sich in der Stadt zusammen mit seinen Kumpels einen saftigen Döner oder Pommes mit Ketchup und Mayo. Die langen Schlangen an Dönerstand und Imbissbude machen ihm nichts aus. „Hauptsache, es schmeckt“, meint Lars.

Qualität: mangelhaft
Ist die Cafeteria des Gymnasiums von Lars ein bedauerlicher Einzelfall? Eine Studie der Hochschule Niederrhein stellt fest: leider nein. Fünf Jahre untersuchten Wissenschaftler der Hochschule das Speisenangebot in deutschen Schulmensen. Ihr Fazit fällt ernüchternd aus: Über 90 Prozent der Schulen in Deutschland erfüllen die Qualitätsstandards an gesundes Essen nicht. Mängel bestehen vor allem bei der Zubereitung der Speisen, dem Transport und der Hygiene. Ein großes Problem ist auch die lange Warmhaltezeit des Essens, bevor es serviert wird. „Oft vergehen mehr als drei Stunden zwischen Zubereitung und Ausgabe – sehr ungünstig für die Qualität der Speisen“, sagt Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Peinelt, Leiter der AG Schulverpflegung an der Hochschule Niederrhein. Laut Peinelt sollten auf einem gesunden Mensaspeiseplan mindestens einmal pro Woche ein Fischgericht, täglich Gemüse und Salat sowie regelmäßig Vollkornprodukte stehen. Zum Nachtisch seien Milchprodukte und Obst wünschenswert.

Und nicht nur die Wissenschaft, auch die Schüler selbst stellen der Schulkantine oftmals schlechte Noten aus. So geben die 750 im Rahmen der Nestlé-Studie 2010 „So is(s)t die Schule“ befragten Ganztagesschüler ihrer Mittagsverpflegung die Note 2,9. Die Hälfte von ihnen fühlt sich nach dem Mittagessen müde und lustlos. Kristin Pelz, Gesundheitscoach beim AOK-Bundesverband, wundert das nicht: „Jeder kennt das: Nach einem fett- und energiereichen Essen fühlt man sich müde und schlapp. Der Körper wendet eine Menge Energie auf bis er das Gegessene verdaut hat. Die Konzentration sinkt und damit auch die Leistungs­fähigkeit. Gerade für die Leistungsbereitschaft spielt ein gleichbleibender Blutzuckerspiegel eine wichtige Rolle. Zuckerreiche Getränke und Fast-Food lassen den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen und rasch wieder absinken. Dies kann mit einer verminderten Konzentration und einer abnehmenden Leistungsbereitschaft einhergehen. Weniger ist manchmal mehr. Das Mittagessen sollte deshalb abwechslungsreich, leicht verdaulich sein und nicht zu üppig ausfallen."     

wdv

Standards vorhanden
Das Ziel in Sachen Schulverpflegung scheint klar: ausgewogenes und leckeres Essen zum kleinen Preis. Doch wie lässt sich dieser Anspruch verwirklichen? Orientierung und Hilfestellung bietet den Schulen der Qualitätsstandard für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE). Dieser benennt unter anderem Anforderungen an die optimale Lebensmittelauswahl und Speiseplanung und lässt kaum ein Thema rund um die Schulverpflegung offen – von Essen selbst über Getränkeversorgung bis hin zur Atmosphäre beim Essen. So soll laut diesem Qualitätsstandard Trinkwasser kostenlos für die Schüler zur Verfügung stehen, keine Süßigkeiten als Nachtisch angeboten werden und jeden Tag Gemüse, ob angebraten im Wok oder als frischer Salat, auf dem Speiseplan stehen. Auch schließt dieser Qualitätsstandard die Schüler bei der Gestaltung des Speiseplans ein. Prof. Dr. Wetterau, stellvertretender Leiter der Studie der Hochschule am Niederrhein, bewertet diese Standards in einem Interview in der WDR-Sendung „Daheim & unterwegs“ als sehr gut. Doch sie seien nur Empfehlungen, an die man sich halten könne oder auch nicht. Er meint: „Hier müsste die Politik einmal sagen: Wir machen das verbindlich, national, dass wir uns alle daran halten und nicht nur einige wenige.“

Qualität versus Preis
Seiner Ansicht nach spielt bei öffentlichen Ausschreibungen zur Belieferung einer Schulkantine mit Essen der Preis die entscheidende Rolle – der billigste Anbieter bekomme den Zuschlag. „Die Qualität ist dann nicht so gut, weil wir nicht bereit sind, viel dafür zu bezahlen“, sagt Wetterau. Aber frisches Obst und Gemüse sowie Bioprodukte haben nun mal ihren Preis. Das zeigt sich in der Schulcafeteria der 18-jährigen Wibke aus der Nähe von Gummersbach. Die Mensa lockt mit Salatbuffet, abwechslungsreichen Gerichten und frischen Zutaten aus der Region, doch ein Mittagessen im Abo-Preis schlägt mit 3,95 zu Buche. Wer spontan essen will, zahlt gar 4,95 Euro. Wibke findet das okay: „Das ist zwar etwas teuer, aber das Essen schmeckt und ist gesund. Außerdem ist für jeden was dabei.“

Alternative „Lunchpaket“
Für die 18-jährige Lisa gehören zu einer guten Schulmensa neben frisch zubereiteten Gerichten auch erschwingliche Preise. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, dass für Familien mit vielen Kindern oder niedrigem Einkommen die Schulverpflegung eine enorme finanzielle Belastung bedeuten kann. Die Abiturientin erzählt: „Früher gingen meine beiden älteren Schwestern auch noch auf die Schule. Mehrmals pro Woche ein Mittagessen in der Schule für uns drei zu bezahlen, war einfach nicht drin.“ So bereitete ihre Mama ihr seit der 5. Klasse ein Lunchpaket zu, seit der 10. Klasse macht Lisa das selbst. Sie schmiert sich ein Käsebrot, packt sich einen Apfel ein und schnippelt sich manchmal Gurken, Karotten und Paprika zu einem leckeren Salat klein. Zum Nachtisch gibt es zuweilen Joghurt mit frischen Früchten. Das Pausenbrot von daheim kann also eine gute Alternative sein – gesund und günstig, wenn auch etwas aufwendiger als der schnelle Gang zur Imbissbude. Abends wird bei Lisa dafür für die ganze Familie warm gekocht.

Das Auge isst mit!
Die Familie um den Tisch versammelt, die sich über den stressigen Schultag oder den geplanten Wochenendausflug unterhält – diese soziale Komponente ist Lisa auch in der Schule wichtig. „Ich will in Ruhe mit meinen Freunden reden und etwas abschalten können, bevor es mit dem Unterricht weitergeht“, meint sie. Das geht auch ihren Mitschülern so – ist der Lärm in der Mensa zu groß und der Platz an den Tischen zu eng, essen sie lieber woanders. Eine gute Schulverpflegung ist also mehr als leckere und gesunde Speisen. Auch eine angenehme Atmosphäre in der Mensa ist wichtig.

Es kommt also nicht nur auf das „Was“, sondern auch auf das „Wie“ an. Das ist eine Herausforderung. Eine, die es im Angesicht der steigenden Anzahl an Ganztagsschulen möglichst schnell zu bewältigen gilt.

Der Inhalt in Stichpunkten:
Schlechte Schulmensen – ein Einzelfall?
Das Abschneiden deutscher Schulkantinen in Studien
Die Auswirkungen einer schlechten Schulverpflegung
Die Qualitätsstandards für Schulmensen
Was macht eine gute Schulverpflegung aus?
Kampf zwischen Preis und Qualität  

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 03/2012

Die Autorin: Laura Ilg

Laura Ilg (18) engagiert sich bei der Jugendpresse Baden-Württemberg (JPBW)und schreibt u. a. für die Augsburger Allgemeine und TO4KA. Nach dem Abiturwird sie in einem Jugendzentrum in Mazedonien arbeiten.

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