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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Ehrenamt
Jeden Tag eine gute Tat

Credits: Brian Bailey

Erschienen in der JUST-Ausgabe 02/2013

Sie machen es, um soziale Kontakte zu knüpfen, um eine sinnvolle Aufgabe zu haben, um Abwechslung in ihr Leben zu bringen, um Anerkennung zu bekommen oder aus Nächstenliebe. 36 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Doch wie läuft die Arbeit ab und was können die Jugendlichen für sich selbst und andere mitnehmen?

Morgens halb zehn in Deutschland: An Wochenenden ist Sebastian um diese Uhrzeit oft schon in der Kirche oder dem dazugehörenden Gemeindehaus. Denn der 17-Jährige engagiert sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Für viele Jugendliche ist die Kirche ein rotes Tuch. Doch für Sebastian hat die Arbeit vor allem etwas mit Verbundenheit zu tun: „Ich habe Glück in einer recht offenen Gemeinde zu sein. Jeder ist willkommen. Mit meinem Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit möchte ich anderen Jugendlichen zeigen, dass Kirche das Gefühl von Gemeinschaft vermittelt und Spaß macht.“ Das Gemeinschaftsgefühl kommt schon bei den ganz Kleinen auf. Im Kindergottesdienst treffen sich Kinder von 3 bis 10 Jahren, um in altersgerechten Gruppen ihren eigenen Gottesdienst zu feiern. Eine Stunde lang wird gesungen, eine Geschichte gehört, gebastelt und gespielt. Das muss natürlich vorbereitet werden. Der Pfarrer kann es nicht übernehmen. Deswegen sind Ehrenamtliche wie Sebastian unerlässlich.

Schreiende Kinder und ein Kurzfilm

In der Gemeinde des 17-Jährigen helfen 67 junge Leute ehrenamtlich bei Projekten für Kinder oder dem Konfirmandenunterricht. Das motiviert viele der 14-Jährigen, nach der Konfirmation selbst mit einzusteigen. Bei Sebastian war es das Gleiche. Mittlerweile müsste sein Tag allerdings ein paar Stunden mehr haben, wie er selbst sagt. Immerhin hilft er neben dem Kindergottesdienst auch an Konfirmandenwochenenden mit bis zu 70 Jugendlichen und ist Vorsitzender des Jugendausschusses – einem Gremium, das neue Projekte im Bereich Jugend­arbeit bespricht und koordiniert. „Nebenbei“ geht der Elftklässler zur Schule. Es ist nicht immer einfach Schule und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen. Doch aus der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zieht der 17-Jährige die Energie für seinen Alltag. Manchmal ist das kaum nachzuvollziehen. Wenn zehn Kinder durcheinanderschreien oder Konfirmanden absolut keine Lust haben, bei der Gruppenarbeit mitzumachen, dann kann das schon mal an den Energiereserven nagen, anstatt sie zu füllen. Aber Sebastian kennt auch Momente, speziell mit den 13- bis 14-jährigen Konfirmanden, für die sich sein Engagement auszahlt: „In der Vergangenheit haben wir schon viel Kreatives verwirklicht wie Collagen zu den 10 Geboten oder einen Kurzfilm zum Thema ,Glauben‘. Mit dieser Altersgruppe, die nicht weit weg von meiner ist, macht mir das Ehrenamt am meisten Spaß, auch wenn sie vielleicht die Anstrengendste ist.“ 

Beim Ehrenamt kommt man jedoch nicht nur mit jungen Menschen in Kontakt. Oft sind es ältere Leute, die keine Verwandten mehr haben und kaum noch aus dem Altenheim rauskommen. In so einem Fall taucht Sophie auf. Sophie ist 26 Jahre alt und studiert Englisch und Französisch auf Lehramt. Die Studentin ist Mitglied beim Münchner Verein „Streichelbande e.V.“, und das gemeinsam mit ihrem schwarzen vierbeinigen Freund Momo. Der dreijährige Mops ist jedes Mal „der Held des Tages“, wie sie es selbst nennt. Jeden Freitagnachmittag gehen die beiden gemeinsam auf die Demenzstation eines Münchner Altenheims. Dort freuen sich die Senioren schon auf Momo, den sie streicheln dürfen oder auf dem Schoß halten. Oft erinnern sich die Demenzkranken nur an den Hund und Sophie ist für sie meistens eine völlig neue Person. Besonders die Bewohner, die nichts mehr alleine können und oft auch nichts mehr sehen, entspannen sich durch die Nähe und Wärme von Momo. Der Mops stellt sich auf diese Menschen besonders ein. Er bleibt ganz ruhig auf dem Schoß sitzen und genießt die Streicheleinheiten.

Menschen mit Geschichten

An manchen Tagen muss der Hund einfach schnüffeln gehen. „Einmal hat Momo eine Käsesemmel gefunden, die eine ältere Frau unter einem Hut versteckt hat. Demenzkranke neigen oft zu solchen Handlungen, da sie es noch aus ihrer Kindheit gewöhnt sind, dass es während des Krieges oft zu wenig Essen gab“, erinnert sich Sophie. Die Situation war für sie zunächst un­gewohnt, aber als selbst die alte Dame lachen musste, konnten sie die gemeinsame Zeit genießen. Sophie ist neben ihrem Hund nur die Begleit­person. Der Star ist eindeutig Momo – und dabei ist er nicht einmal ein ausgebildeter Therapiehund. Bei „Streichelbande e.V.“ muss jeder Hund lediglich einen Eignungstest durchlaufen. Dabei wird getestet, ob der Hund ängstlich, schreckhaft oder aggressiv ist und ob er auf bestimmte Menschengruppen wie Kinder, Männer oder allgemein Erwachsene scheu oder aufgeschreckt reagiert. Momo hat den Test mit Bravour gemeistert und besucht jetzt schon seit einem Jahr gemeinsam mit Frauchen das Altenheim, das nur ein paar Gehminuten von ihrem Zuhause entfernt ist. Auch wenn Sophie jedes Mal gehetzt von der Uni kommt und sich fragt, warum sie sich die Zusatzbelastung überhaupt antut, weiß sie nach den Besuchen immer die Antwort: „Das sind alles Leute mit Geschichten. Diese Menschen haben so viel erlebt, dass ich selbst meine Sicht auf die Dinge geändert habe. Es kommt darauf an, was man aus seinem Leben macht. Man sollte sich nicht über Kleinigkeiten aufregen, sondern auf das Wesentliche konzentrieren.“

Hilfe zur Selbsthilfe in Ghana

„Anderen Menschen zu helfen, ist für mich schon immer ein Grundbedürfnis“, betont Sandra, die sich seit acht Jahren ehrenamtlich engagiert. Deshalb war es für ihre Freunde und Familie keine große Überraschung, als die 19-jährige Sonderpädagogik-Studentin verkündete, ihre Semesterferien als Entwicklungshelferin in Ghana verbringen zu wollen. Diesen Wunsch hat Sandra realisiert, indem sie für drei Monate als Volunteer nach Ghana gereist ist.

Konfrontiert man Sandra mit der Tatsache, dass heute doch viele Jugendliche, vor allem, um die Zeit nach dem Abi sinnvoll zu nutzen, als Entwicklungshelfer in ein Drittweltland reisen, betont die Studentin, dass es da gewisse Unterschiede gibt: Sie spricht von großen Organisationen, die eine Art sozialen Urlaub anbieten: „Im Waisenhaus arbeiten und nebenher Party und Trommelworkshop war nicht das, was ich machen wollte.“ Deshalb entschied sie sich bewusst für eine sehr kleine Organisation und nahm keinerlei Fördergelder in Anspruch. „Meine Intention für Ghana war immer, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten“, erzählt Sandra. Denn Selbsthilfe schafft für die Studentin die einzige Hilfsmöglichkeit, in der sie einen nachhaltigen Effekt sieht. „Nachhaltigkeit ist ein sehr umstrittenes Thema, wenn es um Entwicklungshilfe in einer globalisierten Welt geht“, weiß Sandra. Auf einem Vorbereitungswochenende lernte sie viel über den interkulturellen Austausch und bemerkte schnell, dass sie bei diesem Ehrenamt wohl zum ersten Mal richtig an ihre Grenzen stoßen würde.

Credits: Brian Bailey

Ehrenamt mit Kulturschock

Bei ihrem Abflug in Deutschland ging Sandra davon aus, dass sie für die nächsten drei Monate in einem ghanaischen Waisenhaus ehrenamtlich arbeiten würde. Doch vor Ort ist alles ganz anders: Statt in einem Waisenhaus arbeitet sie in einer Schule, in der sie über 40 Kinder alleine unterrichtet. Anfangs haben die Kinder große Angst vor ihr und starren ihre weiße Haut nur mit weit aufgerissenen Augen an. Doch schon bald bemerken sie: Vor Sandra muss man weniger Angst als vor den anderen Lehrern haben, denn sie lehnt jede Form von körperlicher Züchtigung ab. „In Ghana ist es normal, dass die Kinder in der Schule geschlagen werden und die Lehrer vor Ort konnten meine Abneigung dagegen nicht verstehen“, erzählt Sandra.

Sandra wird es nie bereuen, den Ghanaern drei Monate Zeit und alle Energie, die sie aufbringen konnte, geschenkt zu haben. Am liebsten wäre sie noch viel länger geblieben. „Nachdem ich daheim einmal geduscht und meine Kleidung gewaschen hatte, wollte ich sofort wieder zurück. Ehrenamtlich tätig zu sein, heißt für mich, mit eigener Kraft und Zeit zu helfen, und nicht, eine von der Steuer absetzbare Spendenbescheinigung auszufüllen“, betont die Studentin. Sandra meint auch, dass es doch gerade Menschen, die im Wohlstand leben, nicht schwerfallen dürfte, sich für andere einzusetzen. Ihr selbst haben die Menschen, für die sie sich engagiert hat, immer sehr viel zurückgegeben. Als Rheumapatientin hat sie außerdem bemerkt, was es heißt, von der Geberrolle auf einmal in die Nehmerrolle zu fallen: „Weil ich mich selbst immer viel für andere Menschen engagiere, fällt es mir nicht schwer, selbst Hilfe anzunehmen.“

Ehrenamt im internationalen Vergleich

Laut einer Studie der OECD engagieren sich in reichen Ländern mehr Menschen ehrenamtlich als in armen Ländern. Spitzenreiter sind die USA und Neuseeland, in denen über 40 Prozent der Einwohner ehrenamtlich tätig sind. Von den europäischen Ländern führt Norwegen auf Platz drei. Deutschland liegt auf Platz 17 und damit im mittleren Bereich der Statistik. Bei uns sind – so das Institut für Demoskopie Allensbach – mit knapp 12 Millionen Menschen weniger als 25 Prozent der Bevölkerung aktiv. Ob sie ähnliche Erwartungen an das Ehrenamt haben wie unsere Protagonisten, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche im Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 genau untersucht.

Die Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind so vielfältig wie die Menschen und Organisationen, die das freiwillige Engagement benötigen. Wer wie unsere Protagonisten ein Ehrenamt findet, das zu ihm passt und ihm Freude bereitet, wird bald bemerken, wie der gesellschaftliche Stellenwert in den Hintergrund tritt und das Engagement plötzlich selbstverständlich und alltäglich wird. 

Der Inhalt in Stichpunkten:
Berichterstattung zum Thema Ehrenamt
Beispiele für soziales Engagement
Beispiele für internationales Engagement
Was kann ich durch eine ehrenamtliche Tätigkeit für mein eigenes Leben mitnehmen?
Welchen Stellenwert hat Ehrenamt für die „Nehmer“?


AOK-Experteninterview 

PD Dr. Sabine Knapstein, Fachärztin, Psychotherapeutin und Leiterin der Medizinischen Qualitätsförderung bei der AOK Baden-Württemberg, weiß, welchen Einfluss ein aktives Einstehen für andere auf das eigene Selbstwertgefühl junger Menschen hat. 

Was motiviert Menschen zum ehrenamtlichen Engagement? 

Sinnstiftung ist ein wichtiger Motor in unserem Leben wie auch die Möglichkeit, völlig andere Aktivitäten als in unserer Berufstätigkeit umzusetzen.

Haben Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, mehr Lebenszufriedenheit?

Das hängt vom Umfeld ab. Ehrenamt hat oft weniger strukturierte Regeln als das Berufsleben, was manchmal Konfliktpotenzial birgt. Andererseits entstehen durch die Freiwilligkeit oft auch neue fruchtbare Beziehungen und bereichernde Erfahrungen.

Was genau versteht man unter dem Helfersyndrom und wie wirkt es sich auf ehrenamtliche Tätigkeiten aus?

Wenn der Wunsch, anderen zu helfen, so stark wird, dass ich keine anderen Interessen mehr habe und aufbringen kann, dann besteht die Gefahr sich auszubrennen. Zudem liegt eine Gefahr darin, sich selbst zu sehr in den Vordergrund zu stellen, was Konflikte für das Team bedeuten kann.

Wo liegen bei einem Ehrenamt die Grenzen?

Ein bestimmter Zeitaufwand pro Woche oder Monat sollte nicht überschritten werden. Gut ist es auch, wenn die Möglichkeit besteht, mit professionellen Helfern über Erfahrungen oder Erlebnisse zu sprechen.

Ehrenamtliche Tätigkeiten kommen im Lebenslauf gut an. Zerstört das die ehrliche Motivation zum Ehrenamt?

Jugendliche haben heutzutage sehr viele Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln. Wenn es ihnen Freude bereitet, sich sinnstiftend und helfend in einer Gemeinschaft einzubringen, dann sollte das unabhängig vom Lebenslauf wirklich aus Freude geschehen, was sicher auch meistens der Fall ist.

Die Autorin: Anna Ruppert

Anna Ruppert: Die 20-Jährige studiert Lehramt Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Pädagogik bei Verhaltensstörung in Würzburg. In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport. Außerdem schreibt sie Artikel für JUST, NOIR und eine Regionalzeitung.

Die Autorin: Jasmin Liese

Jasmin Liese: Die 20-Jährige studiert Europastudien mit Schwerpunkt Journalistik in Eichstätt. Nebenbei arbeitet sie hauptsächlich fürs Radio. Am liebsten ist Jasmin in der ganzen Welt unterwegs oder hilft ehrenamtlich bei Kinderprojekten in ihrer Kirchengemeinde.

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