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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Auslandsaufenthalt –
In der Welt zu Hause

Julius steht dann auf, wenn ihm die Sonne ins Gesicht scheint. Im Hintergrund hört er die Wellen des Indischen Ozeans gegen den Strand schlagen. Die Weltmeisterschaft im Lautschnarchen wird gerade von seinen Zimmerkollegen ausgetragen. Im Ausland ist eben vieles anders als im Hotel Mama.
Credits: Udo Schankat

Wenn nicht jetzt, wann dann?
Julius ist ein WWOOFer (World Wide Opportunities on Organic Farms). Ein ganzes Jahr lang reist er in Australien von Farm zu Farm und unterstützt mit anderen WWOOFern die Farmarbeiter beim Hacken, Buddeln und Gießen. Derzeit übernachtet er in einer kleinen Hütte direkt am Strand. Pro Tag wird vier Stunden lang gearbeitet. Dafür gibt es täglich drei Mahlzeiten. Den Rest des Tages verbringen sie auf Quads, Surfbrettern oder in Büchereien. „Nach der Schule wollte ich unbedingt ins Ausland. Egal, wohin. Nur weit weg. Jetzt weiß ich, dass es die beste Entscheidung in meinem Leben war“, erzählt Julius, der nun schon seit mehreren Monaten durch Australien reist. Damit reiht er sich in die WWOOFer, FSJler, Au-Pairs, Praktikanten und ERASMUS-Studenten ein, die „einfach mal weg“ wollen. 

Die zweite PupertätEs gibt einen signifikanten Unterschied zwischen einem Auslandsjahr und dem Älterwerden: Der Zeitpunkt, wann es losgeht, lässt sich auf die Sekunde genau bestimmen. Kaum steigen die Abiturienten mit weichen Knien aus dem Flieger, bekommen sie die volle Ladung ab: neue Sprache, neue Kultur, neue Mentalität und einzigartige Gewohnheiten. Wer nur wegen der Sprache ins Ausland geht, weiß noch nicht, was ihn erwartet. Jede persönliche Erfahrung zählt mehr als alle neuen Vokabeln zusammen – selbst wenn es negative Erfahrungen sind. Der Ansprechpartner am Flughafen ist nicht aufzufinden und die Betten in den Hostels ausgebucht? Los geht’s mit dem Flexibelsein! Keine Eltern, keine Lehrer und keine Klau­suren. Alles ungewohnt: Der Test ist das tägliche Leben und voran kommt man nur, indem man Fehler macht.

Das Lernen geht jedoch schon viel früher los: Ein Auslandsjahr ist heiß begehrt und immer mehr junge Erwachsene wollen die Programme so früh wie möglich nutzen. Wer also unbedingt nach New York oder Barcelona will, sollte sich so früh wie möglich mit Büchern und Internet auf den Bürokratiedschungel vorbereiten. Im Alltag sind Farmarbeiter flexibler als ERASMUS-Studenten: Sie verbringen viel Zeit am Campus und in der Stadt. Auf Veranstaltungen außerhalb der Hochschule finden sich dank Facebook und MySpace umso leichter Freundschaften fürs Leben. Im Land selbst haben Studenten die Möglichkeit, ihr Studiengebiet aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen und in Deutschland wird das zum Pluspunkt für die Bewerbungsunterlagen.

Die Schule, das Studium, das Leben und die Person in Deutschland werden nach dem Auslandsjahr nicht mehr die gleichen sein. „Ich wollte eigentlich eine kaufmännische Ausbildung beginnen. Durch meinen Online-Blog hab ich aber gemerkt, dass mir Schreiben total viel Spaß macht und ich das eigentlich auch sehr gut kann. Jetzt will ich auf eine Journalistenschule und Reportagen schreiben“, berichtet Julius.

Die Qual der Wahl
Das Angebot der Auslandsaufenthalte ist riesig und für jeden ist etwas dabei. Um das richtige Angebot zu finden, müssen einem die eigenen Ziele klar sein. Je früher man sich damit befasst, desto mehr Auswahlmöglichkeiten gibt es. In der Schule bietet sich in der 10. Klasse das Austausch-Jahr an. Gute Schüler können im Ausland ein Jahr eine private Schule besuchen, bei Gasteltern übernachten und ihr Englisch verbessern. Nach dem Jahr kann dann regulär in der 11. Klasse weitergelernt werden.

Ist die Schule vorbei, kam früher die Einladung zur Bundeswehr. Doch die Wehrpflicht gibt’s nicht mehr. G8 und Bachelor-Studiengänge hetzen einen durchs Leben – wer kann da noch eine Pause einlegen? Dabei ist die Auswahl größer und spannender denn je:

Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland wird durch weltwärts.de organisiert und ist etwas für Neugierige, die eigene Projekte planen sowie umsetzen und eigene Ideen in die Arbeit einbringen wollen. Immer beliebter sind FSJ-Stellen in ausgefallenen Ländern. Benedikt Ocks hat ein Jahr in einem Jugendzentrum in Bosnien verbracht: „Ich wollte mal in eine total andere Kultur reinschauen und eine komplett neue Sprache lernen. Amerika, Frankreich oder Spanien haben mich einfach nicht gereizt, weil dort viel wie in Deutschland ist.“

Au-Pair ist mehr als Kinderbetreuung: Teamfähige Organisationstalente werden stark nachgefragt – auch männliche. Als Au-Pair sollte man die Sprache mindestens auf Grundkursniveau beherrschen, um sich mit der Gastfamilie gleich am Anfang verständigen zu können. Größere Fremdsprachenkenntnisse sind beim ERASMUS-Studium und bei Auslandspraktika Grundvoraussetzung. Wer das Studium mitverfolgen will und Klausuren in der Gastsprache verfassen muss, braucht fortgeschrittene Kenntnisse. Weniger Sprache, dafür mehr Selbstorganisation wird bei „Work and Travel“ und „WWOOF“ gefordert. Mit einem Trekking-Rucksack auf dem Rücken, einem Karton und Edding in der Hand begannen schon mehrere wilde Abenteuer.

Sprachtest fürs Studium
Herzlich willkommen im Sprachtest-Dschungel: CC, TOEFL oder TELC-Zertifikat gefällig? Ohne solch ein Zertifikat darf kein ERASMUS-Student ins Flugzeug steigen und einfach abhauen. Schuld daran sind die Partnerhochschulen. Sie fordern – berechtigterweise – ein Sprachzertifikat an. Um die englischsprachigen Vorlesungen im Ausland verfolgen zu können, sind fortgeschrittene Englischkenntnisse Grundvoraussetzung. Das „Cambridge-Certifikate“ (CC) und der „Test of English as a Foreign Language“ (TOEFL) sind der international anerkannte Standard. Da jede Hochschule individuelle Anforderungen hat, sollte sich jeder Interessent früh informieren. Am besten eineinhalb Jahre zuvor, damit noch genug Zeit zum Lernen bleibt.

Um sich auf den Abschlusstest gut vorzubereiten, bieten verschiedene Sprachschulen ein- bis vierwöchige Sprachreisen an, an deren Ende der Sprachtest stattfindet. Wer nicht so viel Zeit hat und lieber am heimischen Schreibtisch büffelt, der kann sich für einen Online-Sprachkurs anmelden.

Du kannst auch Mama zu mir sagen
Ist der Sprachtest erfolgreich bestanden, gilt es eine bezahlbare Wohnung zu finden. Hier bietet sich in der Regel die Untermiete an, z. B. bei „Alexandra“. „Alexandra ist 32 Jahre alt. Sie spricht Englisch, Französisch und Spanisch. Alexandra ist täglich zu Hause. Sie interessiert sich für Natur, Reisen, Kino, Garten, Lesen, Malerei, Mode, Kochen und Musik.“ Es klingt wie eine Singleanzeige, doch Alexandra ist verheiratet, hat ein Kind und wohnt mit ihrer Familie in einer kleinen Wohnung in Barcelona. Die Wohnung ist nicht allzu groß. Für 250 Euro im Monat kann man ihr Gästezimmer mieten. Für 6 Euro am Tag gibt es sogar ein Abendessen dazu. Spannend für Sprachlernende oder weniger spontane Menschen, die sich gerne ihre neue Heimat zuvor anschauen.

Dank diverser Online-Angebote stehen in nahezu jedem Ort Europas mindestens 20 Gastfamilien zur Verfügung. Die Bewertungsfunktion erlaubt es den Besuchern, ihre Nachfolger vor unhöflichen und anstrengenden Gastfamilien zu warnen. Das klappt leider nicht immer: „Als meine Gastmutter in Spanien bei meiner Ankunft meinte, ich könne sie auch ,Mama‘ nennen, dachte ich mir nicht viel. Später merkte ich, dass sie nicht nur anstrengend, sondern auch aufdringlich war. Im Nachhinein lache ich darüber. Immerhin hab ich gelernt, wie man mit anstrengenden Menschen in einem Haushalt auskommt.“


Fotocredits: wdv - Jan Lauer

Money makes the world go round
Egal, ob Spenderkreise, politische & unternehmensnahe  Stiftungen, soziale Einrichtungen oder Förderangebote des Bundes – am Geld sollte kein Auslandsaufenthalt scheitern. Im JUST-Infokasten findest du die größten Förderer Deutschlands. ERASMUS-Studenten haben den Vorteil, dass Vater Staat für ihre Auslandssemester aufkommt. Im Finanzierungspaket enthalten sind die Studiengebühren und ab dem dritten Semester Teilstipendien für Sprachkurse. Für den Rest kann ein Auslands-Bafög beantragt werden.

Am teuersten sind Schüleraustausche in der 10. Klasse. In Amerika, Neuseeland und Australien sind Überzeugungstalente gefragt: 17.000 Euro müssen die Eltern für das Jahr in privaten High-Schools liegen lassen. Wer nicht so weit weg will, der findet ab 4.000 Euro Schulen in Osteuropa. Für finanzschwache Familien können hier Stipendien der Schlüssel zum Geld sein. Bei Stipendien wird zwischen finanzieller und ideeller Förderung unterschieden: Finanzielle Förderung kümmert sich um alle anfallenden Kosten, die ideelle Förderung hingegen eröffnet die kostenlose Teilnahme an Workshops und Seminaren.

Asien und die Niederlande – die Exoten
Jetzt bleibt abschließend die spannende Frage: Welches Land ist für meinen individuellen Lebenslauf eine besondere Bereicherung? Hier als Beispiel zwei Extreme: China oder die Niederlande. Chinas Wirtschaft boomt und zieht Studenten an, als gäbe es bei IKEA Möbel umsonst. Dass das nicht der Fall ist, bemerkt jeder, der sich um ein Visum kümmert. Es berechtigt einen zwar zum Auf­enthalt, verbietet einem jedoch, einer Tätigkeit nachzukommen. Bei Studiengebühren von 1.500 – 8.500 Euro ein klares Manko.

Die Niederlande sind für Abiturienten spannend, die während der Schulzeit ihre Noten ein wenig aus dem Auge verloren haben und das im Nachhinein bereuen: Viele Hochschulen sind für Fächer wie Medizin, Psychologie oder Kommunikation zulassungsfrei, d. h. die Abiturnote spielt keine Rolle. Auch das Studium ist komplett anders. So befassen sich niederländische Studenten zum Beispiel im „problemgesteuerten Unterricht“ gruppenweise mit verschiedenen Themen.

Wer nun auch davon träumt, fremde Frauen „Mama“ zu nennen oder sich von der Sonne und dem Rauschen der Wellen wecken zu lassen, dem sei gesagt: Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.

 

Leistungen der AOK-Krankenversicherung

  • Sind deine Eltern bei der AOK versichert, so bist du über sie familienversichert.
  • Gilt während deiner Schul- oder Berufsausbildung bis zu deinem 25. Lebensjahr.
  • Einkommen unter 365 Euro pro Monat
  • Bei Nebenjob: Grenze wird auf 400 Euro angehoben.

Leistungen im Ausland

  • Alle ambulanten Leistungen, wie in Deutschland.
  • Vor größerer Behandlung: an ein AOK-Servicezentrum in deiner Region wenden; sie bieten Informationen über unterschiedliche Möglichkeiten und Kostenerstattungen.
  • Krankenhausbehandlungen müssen genehmigt werden.
  • Kostenübernahme, die bei einer Behandlung in Deutschland angefallen wären, abzüglich der Zuzahlungen und Abschläge für Verwaltungskosten.

Europäische Krankenversicherungskarte

  • Gültig in allen der 27 EU-Mitgliedsländern sowie in Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz.
  • Kostenlos bei deiner örtlichen Krankenkasse abholen.
  • Erleichtert den Zugang zur medizinischen Versorgung.
  • Beinhaltet keine Behandlungskosten von Verletzungen, die vor der Reise aufgetreten sind.

Private Zusatzversicherung

  • Zu einer zusätzlichen Krankenversicherung wird geraten – hierzu einfach an die AOK wenden.
  • Übernimmt z. B. den Krankentransport nach Hause. 

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 2/2011

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