on JUST
Werkstattmedium für junge Medienmacher

Medienwerkstatt: Schwierige Themen im Journalismus

Erschienen in der on JUST-Ausgabe 03/2015

Darum geht es

Stell dir vor, du liest einen Artikel im Internet über einen Menschen, der eine Beeinträchtigung hat. Du findest den Artikel komisch und irgendwie falsch, denn die Person wird als jemand Bemitleidenswertes dargestellt und kommt selbst nicht zu Wort.

Dass du den Artikel nicht gelungen findest, liegt daran, dass der Journalist ein Thema aus seiner Perspektive wiedergibt. Eigentlich muss er neutral sein, sich selbst von dem Geschehen distanzieren.

Aber das ist nicht immer leicht, besonders bei heiklen Inhalten. Bei Themen, die an eigene Erfahrungen geknüpft sind, ist es für Autoren wichtig, sich nicht von den eigenen Gefühlen leiten zu lassen. Distanz zu wahren benötigt Übung und jahrelange Erfahrung. Trotzdem können ein paar Regeln helfen, einen guten Artikel über schwierige Themen wie Missbrauch, Menschen mit Beeinträchtigungen oder über kulturelle Unterschiede zu verfassen. 

Das nimmst du für dich mit

Regel 1. Selbst neutral bleiben

Viele Themen berühren einen schnell, vor allem wenn es um Menschen geht. Mach dir deshalb nach einem Interview nur grobe Notizen und vermeide es, noch am selben Tag den Artikel zu schreiben. Ein oder zwei Nächte Schlaf bringen Abstand und Neutralität in den Text.

Regel 2. Neutrale Personen befragen

Es bietet sich an, Zitate von Menschen mit in den Artikel zu nehmen, die dein Thema aus wissenschaft­licher Perspektive betrachten. Professoren an Universitäten teilen ihr Fachwissen sicher gern mit dir. Das hilft dir, deine eigenen Beobach­tungen fundiert einzuordnen.

Regel 3. Worte sind Macht

Nur ein falsch gewähltes Wort kann zu Kommentaren aufgebrachter Leser führen. Deshalb ist es wichtig, dass du Begriffe nicht einfach verwendest, sondern nochmals deren Bedeutung recherchierst. Vermeide diskriminierende und rassistische Begriffe wie „Handicap“, „Behinderung“ oder „Negerkuss“ genauso wie zu schreiben, dass die muslimische Kultur „radikal“ sei.

Regel 4. Quellen prüfen

Zahlen und Fakten lassen deinen Artikel an Fundiertheit und Seriosität gewinnen. Diese müssen natürlich stimmen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur Google, sondern auch „Google Scholar“ als Recherchetool zu nutzen.

Da geht’s WWWeiter

  • „Richtig“ über Menschen mit Beeinträchtigung zu berichten ist wichtig. Leidmedien.de gibt dir dafür viele hilfreiche Tipps: aok.de/d845f5
  • Damit ein Artikel spannend ist, brauchst du eine gute Geschichte und die richtigen Worte. Aber Achtung: Übertreibung und Verzerrung sind verboten! Wie das gelingt, erfährst du auf: aok.de/fbe2c4
  • Andere Länder – andere Sitten. Wenn du über andere Kulturen schreibst, ist es wichtig, dass du dort auch ein bisschen Zeit verbracht hast oder Menschen kennst, die dir authentische Informationen geben können. Denn ansonsten droht Fettnäpfchen­gefahr. Hier berichten Deutsche, die nun im Ausland leben, von ihren Fauxpas: aok.de/e7a9d2

Schwierige Themen einfach gemacht

Viele Themen sind zum Teil schwierig umzusetzen. Und manche Themen benötigen mehr Vorsicht als andere. Im folgenden zeigen wir Dir, auf was du bei den Themen „Beeinträchtigung“, „Kultur“ und „Technik“ achten musst.

Beeinträchtigung

Menschen, die anders als die Mehrheit sind, werden häufig mit negativen Wörtern wie „behindert“ oder „krank“ bezeichnet. Diese Wörter machen sie zu minderwertigeren Menschen. Selbst beim Schreiben über jemanden, der zum Beispiel eine Gehschwäche hat, gilt höchste Vorsicht. Denn schnell positioniert sich der gesunde Journalist über den anderen, weil dieser im Rollstuhl sitzt. Die Folge: Es wird Mitleid beim Leser hervorgerufen, auch dann, wenn derjenige im Rollstuhl sich selbstständig und -sicher im Alltag bewegt.

To do:

  • Die Person, die interviewt wird, ernst nehmen. Wenn die Person mit Beeinträchtigung über Dinge im Alltag klagt, kann das in den Artikel mit aufgenommen werden. Es bietet sich dabei immer das Zitat an. So kann die Aussage nicht vom Journalisten verfälscht werden.
  • Bei einem Artikel über einen Menschen mit Beeinträchtigung bietet sich ein Interview an. Alternativ kannst du die Person auch einen Artikel über sich selbst verfassen lassen. Dann entgeht der Journalist einer Verzerrung. Auch ein Kommentar bietet sich an. Denn beim Kommentar ist klar, dass der Journalist seine eigene Meinung widergibt. Höchste Vorsicht gilt bei Reportagen oder Features.

Kultur

Der Begriff „Kultur“ wird vielseitig genutzt und ist dadurch schwammig. Unter anderem fallen unter ihn Kunst, Religion und Sprache. Kultur bedeutet so viel wie das „vom Menschen Gemachte“. Wer sich in einem anderen Land aufhält, merkt schnell, dass vieles anders ist. Das fängt meist schon bei der Begrüßung an. Vielleicht empfindest du Dinge als merkwürdig, weil sie dir fremd sind. Über Menschen anderer Kulturen zu schreiben, ist nicht so einfach wie man glaubt. Denn schnell beschreiben wir Dinge als komisch oder beängstigend, nur weil wir sie nicht kennen.

To do:

  • Wenn du von einem Schüleraustausch zurückkommst und einen Artikel schreibst, solltest du mit einem „Einheimischen“ sprechen. So kannst du über Eigenheiten berichten. Schreibst du z. B. einen Artikel über die chinesische Freundlichkeit, ist es wichtig zu wissen, dass es in der chinesischen Sprache gar kein „Nein“ gibt. Deshalb werden dir alle Chinesen immer mit „Ja“ antworten.
  • Insbesondere bei Zitaten heißt es aufpassen: Manchmal existieren Wörter im Deutschen gar nicht. Frage die Interviewten dann, was das Wort eigentlich bedeutet und umschreibe es oder nehme einen ähnlichen Ausdruck.

Technik

Was wiegt mehr? 100 Gramm Steine oder 100 Gramm Federn? Genau, beides ist gleich schwer. Technik lässt sich grob im Umgang mit Energie (Elektrotechnik), Informationen (Fototechnik) oder Stoffen (Bautechnik) unterscheiden. Bei Technik ist es wichtig, dass du dir die verschiedenen Vorgänge von einem Profi erklären lässt. Wenn du dir nicht sicher bist: Nachfragen!

To do:

  • Sekunde, Meter, Hertz, Kilowattstunde. Zahlen und Maßeinheit immer checken.
  • Leser sind bei zu vielen Fachbegriffen und Zahlen überfordert oder lesen den Artikel nicht zu Ende. Es gilt also auch bei technischen Themen Spannung aufzubauen. Beschreibe zum Beispiel einen Vorgang szenisch und lebendig, so als ob der Leser am Ort wäre. Füge dann Informationen dazu.
  • Wenn du mit einem ausländischen Experten kommunizierst oder einen Artikel auf Englisch liest, beachte, dass Maßeinheiten von Land zu Land variieren. In Großbritannien existiert zum Beispiel das angloamerikanische Maßsystem. Kilometer (km) werden dort in Fuß (foot) angegeben. Ein „foot“ ist ca. 0,30 Meter.

Experteninterview

Simone Schlindwein, Afrika-Korrespondentin

 

Sie schreiben als Europäerin über Themen in Afrika. Was ist daran
schwierig?

Ich lebe seit sieben Jahren in Afrika und muss mich manchmal ermahnen, die europäische/deutsche Sichtweise auf Afrika nicht zu vergessen. Diese ist von Stereotypen geprägt. Denkt man in Deutschland an Afrika, hat man oft Gefahr, Krieg und Chaos vor Augen. Ich muss mich oft selbst mahnen, auch Geschichten jenseits von Krieg zu schreiben, damit auch in Deutschland die Wahrnehmung sich ändert.

Welches Thema ist Ihnen in der journalistischen Umsetzung besonders schwer gefallen?

Ich berichte leider viel über Krisen, Kriege und Elend. Einfach weil es so unbeschreibbar ist, was Gewalt bedeutet und viele Menschen in Europa Gewalt selbst nicht mehr kennen und erfahren haben ... es ist sehr schwer, das Thema so umzusetzen, dass es begreifbar wird ohne dass man sich am Elend der Opfer abarbeitet.

Welche Tipps geben Sie jungen Journalisten?

Man muss alle Begriffe, die man verwendet, sehr klar überdenken und auch sehr sich selbst reflektieren. Man sollte viel beschreiben und erklären, damit es verständlich wird für den deutschen Leser.

Was ist das schönste an ihrem Beruf?

Ich reise dauernd und ständig und lerne jeden Tag unheimlich viel.

Die Autorin: Camilla Lindner

studiert Anglistik und Politik an der Uni Hamburg. Sie schreibt für verschiedene Online-Magazine.

lindner.camilla(at)gmail.com

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