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Schreibtipps zu Überschrift und Vorspann: Die perfekte Verführung!

Der Einstieg entscheidet über Leben und Tod. Ist er gelungen, dann packt er den Leser, zerrt ihn, reißt ihn mit. Und sorgt dafür, dass der Artikel zu seiner Bestimmung findet: nämlich gelesen wird. Ein schlechter Einstieg hingegen bedeutet das Ende! Der Leser verliert das Interesse und die Lust am Lesen, noch bevor er eine einzige Zeile gelesen hat. Doch wie schmiedet man die perfekte Überschrift, die Schlagzeile, die jedem ins Auge springt? Und wie sollte ein guter Vorspann aufgebaut sein?
Fotocredits: Sebastian Czub

Gewalt, Tiere, Prominenz, eine Prise Erotik und kindliche Verniedlichungen: Das ist das beste Gemisch, aus dem sich eine Überschrift formen lässt. Dazu noch eine überraschende Begebenheit.

Ein ungewöhnliches Beispiel: „Nackter Promi beißt kleinen Hund!“, diese Schlagzeile zieht den Blick an wie ein Magnet. Sie ist zum Glück frei erfunden, aber sie zeigt, wie Boulevardzeitungen funktionieren: Sie versprechen den großen Skandal, in großen Buchstaben und prägnanten Wörtern, und wir Leser springen darauf an.

Wahrheit und Sachlichkeit sollten stets an erster Stelle der journalistischen Berichterstattung stehen! Und doch zeigen Boulevardzeitungen eines: Leser lassen sich gerne verführen. Und der Journalist muss sich zum Casanova aufschwingen mit sprachlicher Finesse und betörender Kreativität, aber stets wahr und korrekt formuliert!

Der Küchenzuruf weist den Weg
Die Überschrift und der Vorspann sollten eine Einheit bilden. Bei Meldungen und Berichten eignet sich eine einfache Überschrift. Sie sollten kurz, sachlich und vor allem informierend sein.

Doch welcher Aspekt eines Artikels ist der wichtigste? Was gehört in die Überschrift? Oftmals fällt es schwer, eine gute Überschrift zu formulieren, weil dem Text eine Kernaussage fehlt: die zentrale Botschaft.

Henri Nannen, der Gründer des STERN, hat einen Begriff erfunden für diese Botschaft: den Küchenzuruf. Jeder Artikel brauche einen Küchenzuruf, forderte er. Doch was meinte Henri Nannen damit? Man stelle sich folgende Szene vor: Ein Mann hat sich eine Zeitung gekauft, kommt nach Hause und legt sich auf das Sofa. Seine Frau steht in der Küche. Kaum hat der Mann den ersten Artikel gelesen, ruft er seiner Frau zu: „Mensch Gretel, die in Berlin spinnen! Die wollen schon wieder die Steuern erhöhen!“ Genau diese Botschaft gehört in eine sachliche Einleitung, nur ohne den emotionalen Zusatz „die spinnen“. Beispiele für diese sachlichen Schlagzeilen gibt es viele: „Pilot wirft Passagiere aus dem Flugzeug“, „Deutschland boomt wieder“, oder „USA verhandeln über Mubaraks Ablösung“. Für die sachliche Überschrift gibt es vier einfache Regeln: Sie muss sprachlich und inhaltlich korrekt sein, leicht zu verstehen sein und komplizierte Namen und Fremdwörter vermeiden! Außerdem sollte sie, wenn möglich, aktiv formuliert sein.

Kontraste, Überraschungen und Spielereien
Ein Meisterstück gelang der Bildzeitung: Sie verband Information mit Emotionalität, als sie formulierte: „Wir sind Papst!“ Eine gute Überschrift überrascht und fasziniert den Leser und bringt ihn dazu, den Artikel wirklich zu lesen. Hier kommt der Sprach-Casanova wieder ins Spiel! Die Trickkiste der Verführung ist groß, besonders beliebt sind spannende Gegensätze, zum Beispiel: „Streifzug durch Kairo: Die Reichen fliehen, die Armen leiden“ (Spiegel Online). Oder mit Ironie gewürzt: „Teufel beim Papst“, zum Papstbesuch des früheren Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Erwin Teufel. Auch Satire kann den Leser überraschen, vor allem wenn sie so bitterböse, aber überaus pointiert formuliert wird, wie es die Berliner Tageszeitung (taz) vollbringt. Am Tag nach der Demonstration im Stuttgarter Schlossgarten zu Stuttgart 21 schrieb sie: „Schwäbische Pflastersteine!“. Daneben druckte sie ein großes Kastanien-Foto.

Beliebt sind auch gekonnte Wortspiele: „Der Musikmarkt schlägt flotte Töne an.“ Oder Anlehnungen an Büchertitel: „Effi sprießt“ (über die zahlreichen Feiern im Fontane-Jahr). Auch Sprichwörter eignen sich gut zur kreativen Umgestaltung, wie „Friede, Freude, Bollywood!“ (NOIR). Immer häufiger präsentieren sich Texte als Ratgeber und versprechen: „Die zehn besten Tipps zum Hausbau!“ oder „Endlich ruhig schlafen. Was wirklich hilft!“. Den Notnagel bietet manchmal auch die Aufzählung. So könnte eine Überschrift heißen: „Von heißen Nächten, bissigen Krokodilen und feurigen Sonnenuntergängen.“

Die reizvolle Ampel
Eine mitreißende Überschrift ist erst die halbe Miete; jetzt kommt der Vorspann. Wenn dieser langweilt, war alle Mühe umsonst! Und was für den Titel zählt, gilt auch für den Vorspann: Überraschend muss er sein, spannend und leicht verständlich. Dafür gibt es kein Patentrezept, aber ein typisches Modell, wie dieser gelingt: das Ampelprinzip. Oftmals besteht der Vorspann aus drei Teilen: Der erste Teil bietet einen spannenden Aspekt, kurz und meist noch unverständlich (rote Ampel). Mit dem zweiten Satz folgt die Einordnung, die Erklärung (gelb), aber los geht die Fahrt in den Artikel erst mit dem dritten Teil, der Neuigkeit, dem großen „Aber“ (grün).

Ein gelungenes Beispiel: „Schöne Frauen, Ruhm und tollkühne Kämpfe (rote Ampel): Die Krieger des Mittelalters umweht der Duft des Abenteuers (gelbe Ampel). Tatsächlich fochten sie in brutalen Schlachten – wenn sie nicht betrunken vom Pferd fielen oder vor Kälte zitterten (grüne Ampel)“ (Spiegel Online).   Ein zweites Beispiel: „Er wollte ein Aufklärer sein, ein Bußprediger und Mahner (rote Ampel). Die größte Wirkung aber hatte Christoph Schlingensief, wenn er mit genialem Blödsinn die Republik aufwühlte (gelbe Ampel). Jetzt hat er den Kampf gegen den Krebs verloren – und das Land einen Künstler, der die Verhältnisse zum Wirbeln bringen konnte (grüne Ampel)“ (Spiegel Online).

Im besten Fall harmoniert die Überschrift gekonnt mit dem Vorspann. Der Titel zum Nachruf auf Christoph Schlingensief lautete: „Der Rebell der Republik“. Und so fügen sich beide Teile zu einem perfekten Einstieg zusammen. Der Leser wird in den Text gezogen, die Verführung ist gelungen. Und der Autor kann sich getrost zurücklehnen, als echter Casanova.

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 01/2011

Der Autor: Andreas Spengler

Andreas Spengler hat Politik- und Medienwissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. Er hat unter anderem bereits für die Financial Times Deutschland und die Süddeutsche Zeitung berichtet und war Chefredakteur von NOIR, dem jungen Magazin der Jugendpresse BW.. 2010 gewann er den Alternativen Medienpreis mit einem Artikel in der NOIR.

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