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Magazingeschichte - Heikler Spagat

Klassische Reportagen sind längst „out“. „In“ sind die Magazingeschichten. SPIEGEL, STERN und Co. leben von ihnen. In einer Welt, die immer komplizierter wird, muss auch eine Geschichte ihre Schauplätze und Protagonisten wechseln können. Doch was ist das Besondere an einer Magazingeschichte? Und was hat das mit dem Liebeslied „Balu“ von Kettcar zu tun?

Denkst du bei Magazingeschichten an Liebe? Wohl kaum. Klar gibt es immer olle Schmonzetten in den Klatschmagazinen. Doch tatsächlich steckt hinter jeder Magazingeschichte eine sehr komplizierte Lovestory. Du, als Autorin oder Autor, musst dabei verkuppeln. Glaubst du nicht? Dann lass dich überzeugen. Nehmen wir das Lied „Balu“ von Kettcar. Darin heißt es „Manche sagen, es wär einfach, ich sage, es ist heikel. Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel“.

New York City und Wanne-Eickel. New York steht für Freiheit, für über acht Millionen Einwohner, für das Große. Wanne-Eickel zwängte sich als kleine Stadt ins Ruhrgebiet, sie steht für das einfache, provinzielle Leben. Groß und klein verkuppeln, der komplizierte Spagat zwischen dem Erlebten vor Ort und dem Hintergrund, das ist der Kern jeder Magazingeschichte.

In der Länge liegt die Würze

Jetzt fragst du dich bestimmt: Warum heißen manche Artikel „Magazingeschichte“? Ich kenne Reportagen, Interviews, Berichte, Kommentare – aber eine Magazingeschichte? Auch in der Musik gibt es doch Rock, Reggae oder Techno. Aber Techno bleibt Techno, egal, ob ich ihn als mp3-Format, auf CD oder auf Schallplatte anhöre. Genauso könnte man sagen, eine Reportage bleibt eine Reportage, egal, ob sie in einer Tageszeitung, auf einer Homepage oder eben in einem Magazin abgedruckt ist. Doch der Vergleich hinkt. Viel stärker als in der Musik verbinden wir im Journalismus mit jedem Medium auch eine Gewohnheit. Die Tageszeitung oder die Online-Ausgabe lesen wir, um uns aktuell zu informieren. Das Magazin liefert hingegen vor allem längere Hintergrundinfos. Die Geschichten hinter der Nachricht. Und jedes Magazin soll die Lust am Lesen wecken. Magazingeschichten sind also keine klassische Stilform – und doch haben sie einen eigenen Charakter.

Der Charakter liegt in der geschickten Beziehung von Groß und Klein, von New York City und Wanne-Eickel. Ein paar Beispiele aus der Berichterstattung des Nachrichtenmagazins SPIEGEL in den vergangenen Monaten sollen das verdeutlichen: Wie wirkt sich der Tod eines Touristen in Venedig auf den gesamten Schiffsverkehr aus und auf die Gastfreundlichkeit der Italiener? Was sagt das Desaster um die Drohne „Euro Hawk“ über die Qualität der deutschen Sicherheitspolitik? Wie gefährlich ist Trampolinspringen, wenn sich immer wieder kleine Kinder dabei verletzen?

Einmal aufblasen, bitte!

Der Aufbau der Magazingeschichte ist immer ähnlich. Nehmen wir die Geschichte über das Trampolinspringen „Hüpfen bis der Arzt kommt“ (SPIEGEL, Ausgabe 37, September 2013). Sie zeigt besonders deutlich den typischen Aufbau. Die ersten Sätze lauten: „Es sei alles sehr, sehr schnell gegangen, erzählt Noées Papa. Gerade noch war die Anderthalbjährige mit ihrem dreijährigen Bruder lustig um die Wette gehüpft. Im nächsten Moment brach das Schienbein des Mädchens“. Da sind wir als Leser ganz nah am Trampolin – sozusagen mitten in „Wanne-Eickel“. Da erfahren wir die Geschichte. Doch das alleine reicht nicht! Schon wenige Sätze später kommt „New York“ ins Spiel. Das Große, das Wichtige. Manche Journalisten nennen diesen Teil auch die „Aufblase“, weil sie die Geschichte größer werden lässt, weil sie die Hintergründe zeigt. In dieser Geschichte lautet die Aufblase so: „Noées Unfall auf dem heimischen Sprungtuch im schweizerischen Unterentfelden steht exemplarisch für die Risiken des Trampolinspringens. Bei gutem Wetter eilen Kinder allerorten in die Gärten, um sich in die Luft zu katapultieren. Doch die Trendsportart ist gefährlich“.

Und schon klingt die Geschichte der kleinen Noée nach einer weltbewegenden Nachricht. Zugegeben, das Trampolin-Beispiel klingt kaum nach großem, investigativem Journalismus. Doch letztlich funktioniert fast jede Magazingeschichte so. Immer geht es darum, Geschichten zu erzählen, die zeitloser sind als Artikel in der Tageszeitung, aber dafür mehr Hintergründe liefern.

Eine besonders großartige Magazingeschichte ist 2011 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet worden: „Der letzte Saurier“. Darin begleitet der ZEIT-Autor Stefan Willeke den Chef des Energiekonzerns RWE bei einer Reise nach Japan. Die Leitfrage der Geschichte lautet: „Was will ein deutscher Atommanager im Land der Atomkatastrophe?“. Schon der erste Satz ist Wanne-Eickel und New-York-City pur! Wunderbar formuliert: „Jürgen Großmann könnte an diesem Morgen ein japanisches Atomkraftwerk kaufen, aber er schläft noch“.

Danach wird erzählt, wie bedeutend der RWE-Chef ist: „Die Karriere des Jürgen Großmann war eine fantastische Geschichte, eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit. Es war die Story vom Amerikanischen Traum in der bundesdeutschen Republik, ein Sieg der Selbstgewissheit über den kleinen Glauben“. Na, das alte Muster erkannt? Tatsächlich basieren die meisten Magazingeschichten auf einem ähnlichen Muster.

Zwei Erdbeben für die Lesefreude

Wie aber schreibt man eine Magazingeschichte? Am elegantesten mit der alten Autorenregel: „Mit einem Erdbeben anfangen! Und dann langsam steigern“. Der Anfang muss sitzen. Die erste Szene muss den Leser in jedem Fall mitreißen. Aber Vorsicht: nicht gleich mit der „New-York-Tür“ ins Haus fallen! Die Beispiel-Geschichte des Trampolins sollte nicht so beginnen: „Trampolinspringen ist gefährlich. Immer mehr Kinder verletzten sich dabei. So auch die kleine Noée“. Das wäre langweilig. Lieber geheimnisvoll in Wanne-Eickel anklopfen, wie im Original-Text, mit der kleinen Noée auf dem Trampolin.

Nach dem Einstieg in die Geschichte folgt dann die Aufblase. Sie beantwortet die Frage, warum der Text überhaupt relevant ist. Nach der Aufblase kommt oftmals ein längerer Abschnitt mit Hintergrundwissen. Da kann ein Wissenschaftler zu Wort kommen oder die Aufblase genauer erklärt werden. Im Gegensatz zur klassischen Reportage liefert die Magazingeschichte alle wichtigen Hintergründe mit. Sie beschreibt nicht nur eine Szene oder ein Ereignis wie in Wanne-Eickel, sondern verknüpft Ereignisse und Hintergründe, Szenen und Fakten zu einer lebensfrohen Beziehung, aus New York und Wanne-Eickel. Das Ende des Textes sollte mindestens noch einmal ein mittelstarkes Erdbeben auf der Richterskala auslösen. Das klappt nicht immer. In der Geschichte der kleinen Noée lautet das Ende „Drei Wochen lag das Mädchen im Gips. Es hat Glück gehabt: Spätschäden wird die Kleine glücklicherweise nicht davontragen. Und obwohl sie im 

Oktober erst zwei wird, darf Noée sogar wieder auf dem Trampolin herumtollen“. „Es ist sehr schwer, den Bruder springen zu lassen, es der Kleinen aber zu verbieten“, beschreibt der Vater das Eltern-Dilemma: „Einzeln lassen wir die Kinder jetzt wieder auf das Gerät.“

Dem Autor des Textes gelingt zumindest eine kleine Überraschung am Ende, ein kleines Erdbeben. Denn, wenn die kleine Noée alleine Trampolin-Springen muss, bleibt der Spaß bestimmt am Boden. Die Magazingeschichte hat in dem Fall jedenfalls eines erreicht: Sie hat das komplizierte Beziehungspärchen New York City und Wanne-Eickel gekonnt verkuppelt. Anhand der Geschichte der kleinen Noée wurden uns die Gefahren des Trampolinspringens näher gebracht. Nur die arme Noée musste darunter leiden und ein gebrochenes Bein ist sicher schmerzlicher als jeder Liebeskummer von Balu. 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 04/2013

Der Autor: Andreas Spengler

Andreas Spengler hat Politik- und Medienwissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. Er hat unter anderem bereits für die Financial Times Deutschland und die Süddeutsche Zeitung berichtet und war Chefredakteur von NOIR, dem jungen Magazin der Jugendpresse BW.. 2010 gewann er den Alternativen Medienpreis mit einem Artikel in der NOIR.

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