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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Informationen und Tipps zur Durchführung eines Interviews.
Bitte recht neugierig

Interviews sind „Frage-Antwort-Spiele, die zwischen Journalisten und Auskunftspersonen ablaufen“. So fasste Walther von La Roche in „Einführung in den praktischen Journalismus“ das Interview in einem Satz zusammen. Doch ein Interview zu führen bedeutet mehr, als Fragen zu stellen.
Jugendpresse Baden-Württemberg - Fabian Sommer

„Herr Kloeppel, was macht man eigentlich, wenn Schweinen langweilig ist? “ Mit dieser ungewöhnlichen Frage eröffnete ein Redakteur von ZEIT Campus ein Interview mit Peter Kloeppel. Nanu, mag sich der Leser fragen, hat der Redakteur den Interviewpartner verwechselt? Warum bekommt der Chefredakteur von RTL Bauernhof-Fragen gestellt?

Zielvorstellung und Hintergrundwissen
Jedes Interview beginnt mit einer guten Vorbereitung. Der Journalist muss sich fragen, was er von seinem Interviewpartner wissen möchte, und braucht eine klare Zielvorstellung. Das heißt, er erstellt vorab einen Katalog mit Fragen, die der Interviewpartner aufgrund seiner Kenntnis und Kompetenz beantworten kann. Mindestens genauso wichtig ist Hintergrundwissen zur Biografie des Interviewpartners. So wusste der Redakteur von ZEIT Campus beispielsweise, dass Peter Kloeppel Agrarwissenschaften studiert und seine Diplomarbeit zum Thema „Vergleich von Verhaltensaktivitäten und Aufzuchtentwicklung von Ferkeln in einstreulosen und eingestreuten Haltungssystemen“ geschrieben hatte.

Wenn Peter Kloeppel gefragt wird, was er bei seiner Diplomarbeit herausgefunden hat und wie Schweine optimal beschäftigt werden können, ist das ein Interview zur Sache: Der Interviewer fragt um Auskunft, der Interviewpartner liefert Informationen und Fakten. Im Meinungsinterview geht es darum, wie der Interviewpartner ein Problem oder Sachverhalt beurteilt. Beispiel: „Sind Sie nie abends nach Hause gekommen und haben gesagt: ,Schatz, es ist so furchtbar – bei uns gibt es jetzt eine Sendung, in der Costa Cordalis Würmer isst‘?“ Die dritte Form des Interviews ist das Interview zur Person. Hier wird ein Mensch vorgestellt und durch seine Antworten skizziert. Peter Kloeppel wurde beispielsweise gefragt: „An der Journalistenschule in Hamburg müssen Sie ein ziemlicher Exot gewesen sein.“

Die Mischung macht’s
Peter Kloeppel bestätigt diese Annahme – waren seine Kollegen an der Journalistenschule doch meist Politologen oder Germanisten. In dieser Antwort erfährt der Leser mehr über seine Person. Im nächsten Abschnitt erklärt Peter Kloeppel die künstliche Besamung von Schweinen und liefert damit Informationen und Fakten. Die Unterscheidung zwischen Interview zur Sache, zur Meinung und zur Person gibt es zwar in der Theorie; in der Praxis jedoch überschneiden sie sich. Und das ist gut so: Abwechslungsreiche Fragen sorgen für Spannung. Und Fragen zur Person machen ein Interview lebendig und lassen die Person plastischer erscheinen. Wenn ein Meteorologe bereits fünf Fragen über das Regenwetter in England beantwortet hat, freuen er und die Leser sich zum Abschluss des Interviews über eine persönliche Frage wie „Schirm, Cape oder Kapuze – wie schützen Sie sich vor Regen?“

Journalisten interviewen ständig
Die meisten Interviews, die ein Journalist führt, sind Rechercheinterviews. Der Journalist möchte zum Beispiel wissen, wann der Oberbürgermeister das neue Freibad einweiht, um darüber eine Meldung schreiben zu können. Oder er kontaktiert einen Wahlforscher und befragt ihn zum Ausgang der jüngsten Landtagswahlen. Einige Zitate aus dem Gespräch verwendet er anschließend für ein Feature.

Eine freie Form des Interviews ist die Interview-Story. Sie besteht aus einem Fließtext mit vielen wörtlichen Zitaten. Der Gesprächsverlauf wird wiedergegeben, allerdings unterbrochen durch Zusammenfassungen in indirekter Rede sowie Beobachtungen, die der Journalist während des Interviews gemacht hat.

Umfragen binden Leser
Wird eine Frage an mehrere Personen gestellt, spricht man von einer Umfrage. Für Umfragen in Lokalzeitungen laufen Journalisten durch die Fußgängerzone und suchen Freiwillige, die Fragen wie „Bügeln Sie Ihre Socken?“ oder „Auf was freuen Sie sich im Sommer am meisten?“ beantworten. Wichtig bei einer Umfrage: Neben der Antwort auch Vor- und Nachname (unbedingt richtig geschrieben!), Alter, Wohnort, Funktion oder Tätigkeit aufschreiben. Umfragen werden gerne gelesen und tragen außerdem zur Leser-Blatt-Bindung bei.

Egal, ob Umfrage, Interview-Story oder klassisches Interview: Ein Interview ist keine Diskussion. Das heißt, der Interviewer hält seine Meinung zurück. Möchte er einen anderen Aspekt oder die Meinung der Gegenseite einbringen, kann er dies tun, indem er dies jemandem in den Mund legt. Zum Beispiel: „Die Grünen vertreten aber genau  den entgegengesetzten Standpunkt“ oder „Eine Umfrage unter bayerischen Schülern hat aber ergeben, dass …“

Eins nach dem anderen
Damit der Interviewpartner jede Frage in Ruhe beantworten kann, stellt der Interviewende eine Frage nach der anderen. Stellt er mehrere Fragen auf einmal, verwirrt das einen ungeübten Interviewpartner und er antwortet unvollständig. Ein Medienprofi jedoch wird sich die bequeme Frage aussuchen, auf die er antworten will, und den Rest weglassen.

Nach dem Interview hat der Journalist die Freiheit, die Fragen und Antworten in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen und den Text so zu redigieren, dass er gut lesbar ist – „ähs“ und „ähms“ druckt natürlich niemand ab und langweilige Antworten will niemand lesen, sie können also weggelassen werden – es sei denn ihr wollt damit das Wesen des Interviewten verdeutlichen.

„Das gedruckte Interview ist immer ein Kunstprodukt“, bringen es Wolf Schneider und Paul-Josef Raue in „Das neue Handbuch des Journalismus“ auf den Punk und fahren fort: „Von den Notizen, vom Stenogramm oder vom Tonbandprotokoll des ursprünglich geführten Gesprächs weicht es um mindestens 30 Prozent ab; häufig aber hat es fast nichts mehr mit dem gesprochenen Wort zu tun.“

Wir wissen also nicht, ob der Redakteur von ZEIT Campus tatsächlich Peter Kloeppel in der Mensa gegenüber saß und zuallererst die Schweine-Frage stellte. Aber als er nach dem Interview am Schreibtisch saß, hat er diese Frage als packenden und witzigen Einstieg gewählt. Die Landwirtschaft zieht sich wie ein roter Faden durch das Interview, das schließlich mit einer Frage zu „Bauer sucht Frau “ endet. Gelangweilte Schweine wollen übrigens spielen. Hat der Bauer keine Zeit, sich als Spielkamerad zur Verfügung zu stellen, tut es auch ein bisschen Stroh.


Rechtstipp – Recht am eigenen Wort
Interviews sind eine tolle Auflockerung für jedes Medium und jedes Medienformat. Allerdings muss hier ähnlich genau wie beim Zitieren vorgegangen werden, damit nicht nur der Eindruck beim Leser entsteht, dass der Interviewte seine Aussage so getätigt hat, sondern dem in Wahrheit auch so ist.

Deshalb gilt – egal, ob das Interview hinterher gedruckt, online gestellt, gesendet oder in geschnittener Version als Pod- oder Vodcast verwendet wird: Der Interviewte muss so wiedergegeben werden, wie seine Antworten tatsächlich waren. Das gilt in besonderem Maße für die inhaltlichen Aussagen, die bereits im Sinn dadurch verfälscht sein können, dass „nur“ gekürzt wurde. Im Sinne nicht nur der journalistischen Ehre, sondern vor allem einer der Wahrheit entsprechenden Wiedergabe des geführten Interviews, ist jeder Interviewer daher verpflichtet, seine finale Version des Interviews nochmals autorisieren zu lassen. So ist sichergestellt, dass alles korrekt und verbindlich wiedergegeben ist.  

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 02/2011

Die Autorin: Miriam Kumpf

 

Miriam Kumpf: Die 26-Jährige gründete in der 11. Klasse eine Schülerzeitung, da ihre Deutschlehrerin das ambitionierte Ziel hatte, den Schülerzeitungswettbewerb zu gewinnen. Aus dem Sieg wurde nichts, aber die Leidenschaft für Medien ist geblieben. Heute engagiert sie sich im Vorstand der Jugendpresse BW für junge Medienmacher.

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