on JUST
Werkstattmedium für junge Medienmacher

Immer wenn es komplex wird. - Ein Fall für die Infografik

Infografiken sind längst nicht mehr nur öde Tortendiagramme, Kurven in fünf verschiedenen Farben oder Balken, die ernste Themen wie Kriminalitätsraten, Aktienkurse oder die Anzahl der Schulabbrecher beschreiben. Wer sich durch das Netz klickt oder Zeitungen und Magazine studiert, findet Infografiken zu allerlei Themen: zur Verteilung der Waschbären in Deutschland, zum Schienenverkehr in der Schweiz, der Funktion des menschlichen Auges oder eine Übersicht zur Vierschanzentournee.

Journalisten setzen vermehrt auf Daten in der Berichterstattung. Unbearbeitete Daten sind zuerst einmal wertlos. Nützlich werden sie erst durch die Bearbeitung. Insbesondere für den Online-Bereich entstehen immer öfter interaktive Visualisierungen, die riesige Datenberge anschaulich und für den Leser nachvollziehbar machen.

Vorsicht mit Zahlen und Daten

„Die Arbeit hinter einer Infografik kann genauso aufwendig sein wie eine Reportage“, weiß Marc Baumann, Mitglied der SZ-Magazin-Redaktion (Anm: Süddeutsche Zeitung Magazin). Gleichzeitig ist es eine Arbeit, die sich lohnt. Dem Redakteur fallen viele Vorteile der Infografik ein: Der Leser könne sehr viel auf einen Blick aufnehmen und oft würden Geschichten durch Infografiken interessanter erzählt als mit der hundertsten Reportage. Und während Leser bei langen Texten irgendwann ausstiegen, würden sie sich Grafiken komplett ansehen.

Die Aufgabe des Journalisten: Daten so aufzubereiten, dass sie nicht fehlinterpretiert werden können. Genauso wichtig ist es, stets Ross und Reiter zu nennen: Woher habe ich die Daten und wer hat sie erhoben? Wolf Schneider und Paul-Josef Raue stellen in ihrem Klassiker „Das neue Handbuch des Journalismus“ fest: „Nichts lieben Redakteure mehr als Zahlen.“ Und: „Nichts, was Redakteure auf den Tisch bekommen, ist so eng mit Irrtum, Blindheit und Lüge verschwistert wie die Zahl.“

Hier ist also Vorsicht geboten: Hat die Zahlen zum Thema Lungenkrebs der Deutsche Zigarettenverband herausgegeben oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung? Das macht einen gewaltigen Unterschied. Die Macherinnen der „Wahlkantine“ sind ein gutes Beispiel, wie es gelingt, Zahlenmaterial anschaulich und in der Sache korrekt zu vermitteln: Zu ihren kulinarischen Grafiken servieren sie einen Link unter dem der Leser die Daten und deren genaue Quellen einsehen kann.

Humorvolle Grafik

Auf den ersten Blick scheinen die Macher des SZ-Magazins demnach etwas falsch gemacht zu haben: Wer sich die beliebte Rubrik „Gefühlte Wahrheit“ genau anschaut, sucht dort vergeblich nach einer Quelle. Sie stellen Alltagsbeobachtungen in den Mittelpunkt, die einer konkreten Quelle entbehren, jedoch gefühlte Wahrheiten sind. So können sie behaupten, dass Fitnessstudios nach dem Jahreswechsel eine Spitzenauslastung haben, Dr. Oetker mit seiner Tiefkühlpizza unser Italienbild geprägt hat und beim Grillen vor allem Bier, Baguette und Ketchup satt machen. 

„Wir haben nach einer charmanten Form gesucht, um Beobachtungen aus dem Alltag darzustellen, die nicht viel Platz braucht. Unsere Themen entstehen meist beim Plausch unter Kollegen, die den Alltag alle sehr aufmerksam reflektieren“, blickt Redakteur Marc Baumann zurück. Hier spielt die Infografik ihr volles Potenzial aus: Sachverhalte, Daten und Informationen visuell und intuitiv erfahrbar zu machen. Als altes journalistisches Werkzeug, das lange nur am Wahlsonntag aus der Versenkung geholt wurde, feiert die Infografik heute ihre Wiederentdeckung und zeigt, dass sie auch humorvoll und locker sein kann. Um dem Leser zu verdeutlichen, dass es sich um eine gefühlte Wahrheit und keine statistisch belastbaren Zahlen handelt, verzichtet die SZ-Rubrik auf Zahlen. „Unsere Leser teilen zwar nicht immer den Humor unserer Grafiken, aber sie verstehen sie“, berichtet Marc Baumann.

Knapp und schnörkellos

Bloggerin Katja Dittrich pflichtet ihm bei. Die Berlinerin betreibt seit 2010 die Website graphitti-blog.de, die betitelt ist mit „die Welt erklärt in lustigen Grafiken“. Mittlerweile sind schon zwei Bücher zum Blog erschienen. Die Grafiken bilden zum Beispiel den Beliebtheitswert von Tauben ab: Laut Katja Dittrichs Blog sind die Vögel auf Hochzeiten ungemein beliebt, jedoch im tiefsten Minusbereich, sobald sie in einer Fußgängerzone herumspazieren. Wer im Graphitti-Blog die Ursache von Pickeln recherchiert, liest dort, dass Hautpflege völlig überbewertet wird und an Pickeln hauptsächlich das Date am nächsten Tag schuld ist.

„Die absolute Mehrheit der Leser versteht das Humorkonzept, sonst wären meine Bücher keine Bestseller“, erzählt Katja Dittrich. Sie schätzt es, mit Grafiken Pointen knapp und schnörkellos darstellen zu können. „Außerdem ist es schön, in Zeiten, in denen die Informationsvermittlung überall auf Tortendiagramme setzt, das Ganze zu karikieren“, findet die Autorin und Bloggerin. Hin und wieder erhält sie Post: Die Leser ihrer Bücher möchten wissen, woher die Zahlen kommen, da sie Diagramme sofort mit Seriosität und Statistik verbinden. „Denen entgeht das komplette Humorkonzept, das dahintersteht“, bedauert Katja Dietrich.

Für den Leser bedeutet das: Grafiken aufmerksam studieren. „Meist ist es am Thema zu erkennen, ob eine Grafik auf statistisch belastbaren Zahlen basiert oder nicht“, erklärt SZ-Redakteur Marc Baumann. Falls nicht: Schauen, ob es einen Hinweis auf die Quelle gibt. Sucht der Leser diese vergeblich, hilft nur noch eines: Lächeln – denn genau das ist dann die Absicht der Grafik.

Erschienen in der JUST-Ausgabe 02/2014

Die Autorin: Miriam Kumpf

 

Miriam Kumpf: Die 26-Jährige gründete in der 11. Klasse eine Schülerzeitung, da ihre Deutschlehrerin das ambitionierte Ziel hatte, den Schülerzeitungswettbewerb zu gewinnen. Aus dem Sieg wurde nichts, aber die Leidenschaft für Medien ist geblieben. Heute engagiert sie sich im Vorstand der Jugendpresse BW für junge Medienmacher.

Karten haben mich schon immer interessiert

Matthias Stolz, Jahrgang 1973, lebt in Berlin und arbeitet als Redakteur beim ZEITmagazin. Er hat die Rubrik „Deutschlandkarte“ erfunden. Der Journalist ist Autor mehrerer Bücher, zum Beispiel „Stolz“ und „Häntzschels Welt der Informationen: 105 Grafiken, die einfach alles erklären“. Der Grafiker Ole Häntzschel und er erstellen seit 2008 gemeinsam Infografiken und wurden dafür mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem dpa-Infografik-Award.

Wie kamen Sie auf die Idee mit der Deutschlandkarte?

Karten haben mich schon immer fasziniert. Wenn ich in den Urlaub fahre, kaufe ich mir als Erstes eine gute Karte. Darüber kam ich auf die Idee, in einer Deutschlandkarte das zu zeigen, was man sonst nicht in Karten sieht – also auch Kurioses und Unterhaltsames.

Wie viel Aufwand steckt hinter einer Deutschlandkarte, wie sie im ZEITmagazin erscheint?

In der Regel arbeiten drei Leute an einer Karte: ein Rechercheur, der Grafiker und ich. Manchmal haben wir ein paar Anrufe oder E-Mails später eine Liste mit Daten und können diese weiterverarbeiten. Gibt es zu einem Thema keine Datenliste, recherchieren wir selbst. Oft warten wir lange auf Rückmeldungen: Von einem Professor haben wir erst ein Jahr nach unserer Anfrage eine Antwort bekommen. Der Grund: Er musste die Daten erst in eine Form bringen, in der er sie uns übermitteln konnte.

Welches Rechercheergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Die Ergebnisse überraschen mich eigentlich immer. Wenn ein Ergebnis bei der Recherche herauskäme, das man sich denken kann, würde ich die Karte nicht machen. Überrascht hat mich zum Beispiel, dass es in Ostdeutschland die meisten Ökobauern gibt und bayerische Väter am häufigsten Elternzeit nehmen.

Unterstütze die Jugendpresse

mit Deinem Online-Einkauf
ohne Extrakosten

Unser Newsletter für dich:

Bleibe immer informiert – mit deinem monatlichen Jugendpresse-TELEX.

optionale Angaben

Die optionale Angabe deines Namen hilft uns, dich persönlich anzusprechen. Hier kannst du uns diesen mitteilen:

Vielen Dank für deine Registrierung – diese wird in einem neuen Fenster weiter verarbeitet!

SZ-Handbuch

Das Schülerzeitungs-Handbuch - jetzt auch im Buchhandel



Baden - Württemberg Bayern Berlin Brandenburg Bremen Hamburg Hessen Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen Nordrhein - Westfalen Rheinland - Pfalz Saarland Sachsen Sachsen - Anhalt Schleswig-Holstein Thüringen

REGIONAL

Karte von Deutschland

Was ist Jugendpresse?

  • Wir sind das Netzwerk medienbegeisterter junger Menschen in Deutschland
  • Wir vermitteln journalistisches Handwerk und machen Medien mit Leidenschaft
  • Wir sind eine unabhängige Plattform für Engagement, Austausch und Selbstverwirklichung junger Medienmacher
  • Wir fördern Medienkompetenz und leben demokratische Kultur
  • Wir hinterfragen und bewegen Gesellschaft