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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Hintergrundinformationen zu einem journalistischen Fachbegriff.
Jedem Text seinen Küchenzuruf

„Jeder Text, der den Anspruch erhebt, journalistisch zu sein, braucht einen Küchenzuruf“, forderte einst Henri Nannen und schickte ein Beispiel hinterher, das heutzutage sofort feministischen Protest auf sich ziehen würde. Zugegeben: Der Küchenzuruf bedient sich einem sehr antiquierten Rollenverständnis von Mann und Frau. An seiner Aktualität hat er dennoch nichts eingebüßt.

„Mensch Grete, die in Bonn spinnen komplett! Die wollen schon wieder die Steuern erhöhen“, ruft Hans in die Küche zu seiner Frau Grete. Hans sitzt bequem in einem Sessel im Wohnzimmer, vor sich eine aktuelle Lektüre, während sich Grete in der Küche um den Abwasch kümmert.

Drei Dinge fallen bei dieser Szene auf: Erstens wird in Bonn schon lange nicht mehr über Steuerfragen diskutiert – zu diesen Debatten kommen die Politiker mittlerweile in Berlin zusammen. Zweitens: Die Vornamen Hans und Grete sowie das klassische Rollenverständnis lassen die Frage aufkommen, ob wir mit diesem Beispiel im Jahr 2012 überhaupt noch etwas anfangen können. Drittens: Patriarchisches Verhalten hin oder her – Hans macht sich immerhin die Mühe, seiner Frau Grete die wichtigste Aussage des Textes, den er soeben gelesen hat, klar und verständlich zusammenzu­fassen. Trotz Geschirrgeklapper und der Distanz zwischen Wohnzimmersessel und Spülbecken hat Grete von der geplanten Steuererhöhung erfahren und was ihr Mann davon hält.

Der deutsche Verleger und Publizist Henri Nannen hat mit dieser Szene den nach ihm benannten „Küchenzuruf“ geprägt. Er fordert, dass jeder journalistische Text einen Küchenzuruf haben müsse. Ist kein Küchenzuruf erkennbar, ist der Text für Nannen unbrauchbar.

Warum ist ein Text lesenswert?
Doch was ist dieser Küchenzuruf genau? Er ist „die zentrale Aussage des Textes in maximal zwei bis drei kurzen Sätzen“, so fasst es der Journalist Christoph Fasel in seinem Buch „Textsorten“ zusammen. Zudem beantwortet er für den Leser die Frage, warum ein Text lesenswert ist. Wenn Hans also seine Empörung über eine geplante Steuererhöhung kundtut, macht er Grete damit neugierig. Im besten Fall stibitzt sie sich später, wenn Hans zum Stammtisch aufbricht, seine Lektüre und informiert sich.

Ist der Text sorgfältig recherchiert und gut geschrieben, beantwortet er Gretes Fragen. Das heißt, der Küchenzuruf ist nicht nur deswegen wichtig, weil er die zentrale Aussage eines Textes zusammenfasst, sondern auch, weil er dem Text automatisch zu einem roten Faden verhilft.

Ohne Küchenzuruf kein Thema
Genauso aktuell wie die Steuerfrage und die Bürger, die sich darüber empören, ist also nach wie vor der Küchenzuruf. Wolf Schneider und Paul-Josef Raue fordern in ihrem Standardwerk „Das neue Handbuch des Journalismus“, dass es zu jedem Schreibvorhaben einen Küchenzuruf geben muss. Denn, so die Autoren: Wer keinen Küchenzuruf hat, hat auch kein Thema. Ihre Forderung lautet daher, das Thema „entweder so lange durchzuwalken, bis ich den Zuruf habe, oder das Thema fallenzulassen“. Mancher Kollege mag dagegen einwenden, dass es Themen gebe, die so komplex seien, dass man sie nicht in einer kurzen Aussage von zwei bis drei Sätzen zusammenfassen könne. Dieses Argument können Schneider und Raue entkräften. Sie schreiben: „Wenn ein kompliziertes Thema keinen Küchenzuruf hergibt, deutet das darauf hin: Der Autor hat nicht intensiv genug um eine Zuspitzung seines Themas gerungen.“

Honey-Story und Fensterbrüller
Dass der Küchenzuruf keine allein deutsche Erfindung ist, zeigt die bei den amerikanischen Kollegen bekannte Honey-Story: Unter diesem Begriff versteht man in den USA den Artikel, den die Frau so interessant findet, dass sie ihrem Liebling zuruft: „Honey, hast du schon gelesen …?“ Wer das Beispiel mit Hans und Grete altmodisch, frauenverachtend und für das 21. Jahrhundert unpassend findet, möge sich an die Honey-Story halten.

Darüber hinaus hat sich in der Werbebranche der Begriff des Fensterbrüllers etabliert. Der Werbetexter Konstantin Jacoby zwang mit der Frage „Wie heißt der Satz, den Sie aus dem offenen Fenster brüllen würden, vor dem sich eine tausendköpfige Menschenmasse versammelt hat?“ seine Kunden dazu, ihre Wünsche an eine Kampagne klar zu formulieren. Demnach ist jeder, der Kommunikation betreibt, gut beraten, das Konzept von wahlweise Küchenzuruf, Honey-Story oder Fensterbrüller anzuwenden – seien es Journalisten, PR-Leute oder Werbetexter.

Küchenzuruf in Liebesbriefen?
Doch Vorsicht: Daraus darf keinesfalls der Eindruck entstehen, Küchenzuruf, Honey-Story und Fensterbrüller seien für alle Arten von Text relevant. Nach Christoph Fasel enthält zwar auch ein Liebesbrief einen Küchenzuruf, da er dem Leser eine Botschaft übermitteln möchte – etwa: „Ich liebe dich und möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen.“ Er warnt jedoch davor, den Küchenzuruf auf literarische Texte anzuwenden: „Hier geht es nämlich nicht primär um die Vermittlung von Fakten, Meinung, Einordnung oder Nutzwert – sondern um den ästhetischen Genuss während der Rezeption des literarischen Kunstwerks.“

Er bezeichnet es als „vergebliche Liebesmüh“, etwa in Goethes Faust II das Prinzip des Küchenzurufs anwenden zu wollen. Entscheidet sich Hans in seinem Wohnzimmersessel also für eine solche Lektüre, wäre er besser beraten, seinen Mund zu halten, das literarische Werk zu genießen und Grete in der Küche mit dem Geschirr klappern zu lassen.

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 01/2012

Die Autorin: Miriam Kumpf

 

Miriam Kumpf: Die 26-Jährige gründete in der 11. Klasse eine Schülerzeitung, da ihre Deutschlehrerin das ambitionierte Ziel hatte, den Schülerzeitungswettbewerb zu gewinnen. Aus dem Sieg wurde nichts, aber die Leidenschaft für Medien ist geblieben. Heute engagiert sie sich im Vorstand der Jugendpresse BW für junge Medienmacher.

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