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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Die crossmediale Schülerzeitung: Tor zur neuen Medienwelt

Das Internet verändert den Journalismus: Alles wird schneller – aber auch oberflächlicher. Seit Jahren gibt es Ansätze des crossmedialen Journalismus. Doch eignet sich diese Form auch für Schülerzeitungsredaktionen? Was verbirgt sich hinter dem Begriff „crossmedial“ und welche Chancen bietet er?
Fotocredits: Sebastian Czub

Journalisten von heute schreiben für eine Zeitung. Der Journalist von morgen schreibt, fotografiert und filmt: Er produziert Inhalte für Online, Print und TV. Dieser Journalist – so die Befürchtung – wird zur eierlegenden Wollmilchsau; und die Qualität sinkt mit jeder Mehrarbeit, die auf seine Schultern geladen wird. Diese Angst ist berechtigt.

Doch der Journalist von morgen sollte den Spieß umdrehen: Er darf sich nicht von der Technik beherrschen lassen, sondern muss selbst die Technik beherrschen! Der Journalist von morgen muss crossmedial arbeiten können. Ohne dass es dabei zu Qualitätsverlusten kommt. Alle großen Journalistenschulen sind inzwischen crossmedial aufgestellt; sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Doch welche Möglichkeiten gibt es für Schülerzeitungen, crossmedial zu arbeiten? Inzwischen haben die meisten Schülerzeitungen eine eigene Homepage. Ist das bereits Crossmedia-Journalismus? Streng genommen: nein. Multimedial (also die Verbreitung in mehreren Medien) ist nicht gleich crossmedial. Crossmedial heißt, dass die Inhalte nicht nur parallel, sondern wirklich miteinander verzahnt sind. Wie ein Reißverschluss sollte sich dabei eines in das andere fügen. Dabei gilt die Grundregel: Jeder Inhalt hat ein Medium, das am besten zu ihm passt. Schülerzeitungsmacher stehen vor der Entscheidung: Wo kann ich meine Information am besten veröffentlichen?

Das Schulfest auf Twitter, Facebook und Youtube
Bis vor wenigen Jahren war es für Schülerzeitungen fast unmöglich, crossmedial zu arbeiten: Zu groß waren die technischen Hürden, zu teuer das Equipment. Doch in Zeiten von guten Handykameras, kostenlosen Homepage-Anbietern und vielfältigen Social-Media-Angeboten (von Facebook bis SchülerVZ) wird dies immer leichter. Leider mangelt es Schülerzeitungen heute schon am Nachwuchs. Für eine crossmediale Berichterstattung braucht es eigentlich noch mehr engagierte Schüler. Doch genau diese kann eine crossmediale Schülerzeitung gewinnen: Sie weckt das Interesse gerade bei Technikfreaks, die bisher mit der gedruckten Form kaum etwas anfangen konnten. Ebenso kann sie neue Leser locken – und bisherige Leser mit Neuem überraschen. Wie also könnte die crossmediale Schülerzeitung in Zukunft funktionieren? Ein Beispiel: Die Redaktion bekommt die Information, dass in zwei Monaten ein Schulfest stattfindet.

Zusätzlich zur Printausgabe kann die Redaktion viele weitere Kanäle bedienen. Das könnte so ablaufen: 1. Eine Woche vor der Veranstaltung schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite eine Ankündigung und weist darauf hin, dass sie ausführlich von dem Schulfest berichten wird. 2. Am Tag des Schulfestes berichtet sie live auf Twitter, dabei verlinkt sie am besten direkt auf die Facebook-Seite und den Blog. 3. Noch am Abend veröffentlicht sie auf ihrem Blog oder Homepage einen Kurzbericht und bindet Videoclips ein (zum Beispiel über Youtube). 4. Die Fotos werden als Fotostrecke entweder auf Facebook oder direkt auf den Blog gestellt. 5. Noch am selben Abend können die Leser die Fotos und den Artikel kommentieren und somit ihre Sicht und Erlebnisse darstellen. 6. Einige Zeit nach dem Schulfest erscheint dann in der gedruckten Zeitung eine ausführliche Reportage. Dazu werden die spannendsten Kommentare der Leser abgedruckt. Am Ende weist der Text darauf hin, dass im Blog weitere Fotostrecken zu finden sind. 7. Die offizielle Homepage der Schülerzeitung fasst schließlich alle Angebote zusammen. Hier bekommt der Leser eine Übersicht über das crossmediale Angebot: den Blog, den Link zum Twitter- und zum Youtube-Kanal, die Verknüpfung mit der Facebookseite und die Bezugsmöglichkeiten für die Printausgabe. Außerdem kann die Schülerzeitung hier das Archiv aller bisherigen Ausgaben hochladen und zum Download als pdf anbieten. 8. Im Gästebuch der Homepage können die Leser schließlich ihre Kommentare zur Printausgabe abgeben. 

Allrounder sind gefragt
Was zeigt dieses Beispiel? Die Printausgabe ist das Kernmedium. Sie leidet zwar an Aktualität, kann dafür aber ein Mehr an Hintergrundinformationen und Stilformen bieten. Ergänzend dazu stehen weitere Medienangebote zur Verfügung. Jedes davon hat seine besonderen Eigenschaften: Twitter ist perfekt für die ganz schnelle Information. Der Blog sollte täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich mit Inhalt gefüllt werden. Fotostrecken bieten einen guten visuellen Überblick, Videos dienen vor allem der Unterhaltung. Social-Media-Angebote sind ideal, um sich mit möglichst vielen Lesern auszutauschen und zu vernetzen. Die klassische Homepage kann schließlich alles unter einem Dach zusammenfassen. Sie bietet Infos zur Redaktion, zur Auflage und den Bezugsquellen.

Das Beispiel zeigt: Crossmedia braucht Zeit und Engagement. Die journalistischen Grundregeln, wie faire Berichterstattung, genau Recherche, Datenschutz und klare Sprache, gelten für jedes Medium, doch der Journalist von morgen muss viel stärker vernetzt denken. Er muss jedes Thema aus verschiedenen Blickwinkeln sehen: Welche Information muss schnell getwittert werden? Welchen Aspekt kann ich mit einem Video darstellen? Welche Geschichte eignet sich für eine lange Reportage? Im besten Fall fügt sich jedes Medium in das große Ganze ein: Dann kann Crossmedia das Tor zu einer neuen Medienwelt öffnen.

Hinter jedem Medium aber müssen Menschen stehen, die sowohl die Technik als auch die klassischen Stilformen beherrschen. Das wird die Herausforderung für zukünftige Journalisten. Froh kann sich schätzen, wer dies bereits bei der Schülerzeitung üben kann. Und auch die Leser werden es danken.

 

Erschienen in der JUST-Ausgabe 04/2011

Der Autor: Andreas Spengler

Andreas Spengler hat Politik- und Medienwissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. Er hat unter anderem bereits für die Financial Times Deutschland und die Süddeutsche Zeitung berichtet und war Chefredakteur von NOIR, dem jungen Magazin der Jugendpresse BW.. 2010 gewann er den Alternativen Medienpreis mit einem Artikel in der NOIR.

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