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Werkstattmedium für junge Medienmacher

Boulevardjournalismus
Der Nachbar, der zum Plausch vorbeikommt

Der Boulevardjournalismus ist eines der am stärksten diskutierten Themen in der Medienwelt. Viele dieser Blätter stehen für schnelle Informationen, die für alle verständlich sind. Doch was unterscheidet dieses Genre von anderen journalistischen Formaten? Die Antworten darauf und was den Boulevardjournalismus kennzeichnet, hat JUST-Autorin Teresa Pfützner zusammengetragen.

Die BILD ist die auflagenstärkste Zeitung in ganz Europa. Mit einer täglichen Auflage von 2,9 Millionen Exemplaren führt das deutsche Boulevardblatt den europäischen Zeitungsmarkt an. Was ist der Schlüssel des Erfolges? Zu finden ist er auf den Boulevards des 19. Jahrhunderts. Die großen Flaniermeilen in Europas Hauptstädten wie Paris oder Berlin waren nicht nur Ort täglicher Spazier- oder Flaniergänge, sie waren auch Umschlagplatz der neuesten Nachrichten. Zeitungsjungen ge­hörten ganz selbstverständlich zum Straßenbild. Mit ihren lauten „Extrablatt! Extrablatt!“-Rufen versuchten sie den Passanten die neuesten Nachrichten zu verkaufen. Hier galt die Regel: Nur die Zeitung, die die spannendsten Neuigkeiten direkt auf dem Titel präsentierte, hatte eine Chance mitgenommen zu werden. Dieser direkte Verkauf gab den Boulevardzeitungen den Namen. Wenn es auch heute keine Zeitungsjungen mehr gibt, so sind doch viele Merkmale der Boulevardzeitung gleichgeblieben. Große, plakative Überschriften und eine übersichtliche Gestaltung, die der Leser schnell überblicken kann, sind typisch für die Boulevardpresse. Was sie allerdings von Tageszeitungen wie der „Süddeutschen Zeitung“ oder der „FAZ“ unterscheidet, ist die Themenauswahl.

Emotionalität statt Sachlichkeit

Jede Zeitung ist prinzipiell ein Wirtschaftsunternehmen, das Profit machen möchte und muss, indem es möglichst viele Exemplare verkauft. Dies kann jedoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise erfolgen. Die Boulevardpresse richtet ihre Nachrichten beispielsweise nicht an ihrer Wichtigkeit bezogen auf das politische und wirtschaftliche Weltgeschehen aus, sondern daran, wie sehr sie die Menschen interessieren werden. Ein Beispiel: Wird am selben Tag der spanische Ministerpräsident gewählt und in Deutschland das Finale von „Germany’s next Topmodel“ ausgetragen, präsentiert eine Boulevardzeitung am nächsten Tag tendenziell eher die frisch gekürte, strahlende Siegerin auf ihrem Titel. Eine Tageszeitung hingegen wird sich um den Ministerpräsidenten kümmern, da er für Europa, Deutschland und die Welt mit Sicherheit in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen wird als das neue Topmodel. 

Im Boulevardjournalismus werden die Nachrichten auf ihre Vermarktung hin ausgerichtet. Wie beim Zeitungsjungen, der möglichst viele Exemplare verkaufen wollte, ist der Boulevardjournalismus in viel höherem Maß an kommerziellen Interessen ausgerichtet. In dem Buch „Wirtschaftsberichterstattung in der Boulevardpresse“ von Klaus Beck und weiteren Autoren wird das so ausgedrückt: „Der wesentliche Unterschied zwischen Tageszeitungen als reinen Nachrichtenmagazinen und Boulevardzeitungen besteht darin, dass Boulevardzeitungen nicht die sachliche Wiedergabe von Informationen in den Vordergrund stellen, sondern mit eher eingeschränkter Seriosität die Emotionen des Lesers ansprechen.“ 

Leserservice großgeschrieben

Der Boulevardjournalismus möchte den Lesern also besonders nah sein. Darum findet man auch viele Serviceangebote, Alltagsthemen und lokale Nachrichten in der Boulevardpresse vor. Die Zeitung möchte sich dem Leser wie ein fröhlicher Kumpel präsentieren oder ein gut informierter Nachbar, der zum Plausch vorbeikommt. Darum wird auch in Umgangssprache und kurzen, informativen Sätzen geschrieben. Die übliche Ressortgliederung der (Tages-)Zeitungen ist in der Boulevardpresse weitgehend aufgehoben – denn ebenso wie bei einem Plausch mit dem Nachbarn gehen die Themen bunt durcheinander. Manchmal werden die Neuigkeiten, die der Gesprächspartner erzählt, aber auch ein bisschen pikant. So schreibt Johannes Raabe in seinem 2007 erschienenen Buch „Presse in Deutschland“: „Die Beiträge appellieren an Neugier und Sensationslust der Leser und zielen durch schockierende, dabei leicht konsumierbare Sex-and-Crime-Stories, vermeintliche Skandale, Promi-Dramen sowie unterhaltsame Kuriosa auf deren Emotionen.“ Auch der besonders ausladende Sportteil ist typisch für Boulevardblätter. 

Fremdwort journalistische Ethik

Der Boulevardjournalismus ist eine feste Größe in der vielfältigen Medienlandschaft – in Deutschland aber auch weltweit. Jeden Tag treffen die Leser – oft spontan – ihre Entscheidung, ob sie sich eher für das Topmodel und seine Geschichte oder die Aussagen des spanischen Ministerpräsidenten entscheiden. Stimmt die Aufmachung und befriedigt die Botschaft die Neugier des Lesers lässt sich dieser oft schnell zum Kauf eines bunt aufgemachten Boulevardblatts verführen. Denn kurze und knappe Informationen von Brisanz sind besonders heutzutage gefragt. Oftmals liegen ihnen aber Recherchemethoden zugrunde, die nicht immer dem entsprechen, was üblicherweise von einem korrekt arbeitenden Journalisten erwartet wird. Ein Blick hinter die Kulissen der Informationsbeschaffung dieser Medienbranche gewährt beispielsweise die ehemalige Boulevardjournalistin Kerstin Dombrowski. Sie hat ihre Erlebnisse und Erfahrungen in ihrem Buch „Titten, Tränen, Tiere, Tote“ nachdrücklich zusammengestellt und sich bereits vor einiger Zeit für ein anderes journalistisches Arbeitsfeld entschieden.

Der Deutsche Presserat, der über die Qualität im deutschen Journalismus wacht, rügt die Berichterstattung der Boulevardpresse regelmäßig, weil sie ganz oder teilweise gegen journalistische oder rechtliche Grundsätze verstößt. So können durch entsprechende Fotoperspektiven, fragwürdig erworbene Informationen oder mitunter frei erfundene Geschichten Inhalte in einem anderen, teilweise falschen Licht erscheinen lassen. In der Fachliteratur werden letztere Phänomene als „stark fiktionale Elemente“ bezeichnet und deuten an, dass die Wahrheit dabei hin und wieder auf der Strecke bleiben kann. Das ist auch einer der Gründe, warum der Boulevardjournalismus nicht selten in der Kritik steht und Gegenstand von Podiumsdiskussionen bzw. kritischen Untersuchungen und Studien ist.

Publikumsliebling

Fest steht, dass die Boulevardpresse in Deutschland ein mächtiger Markt ist. Es gibt acht große, täglich erscheinende Boulevardzeitungen wie den Kölner Express, den Berliner Kurier, die BILD oder die Morgenpost. Gemeinsam bringen sie es auf eine tägliche Auflage von 3,8 Millionen Exemplaren. Doch zum Boulevardjournalismus gehören auch andere Formate, so zum Beispiel einige Talkshows im Fernsehen und zahlreiche Boulevardmagazine, die gern als „Klatschpresse“ bezeichnet werden. Experten sprechen davon, dass in der gesamten deutschen Medienlandschaft derzeit eine „Boulevardisierung“ vor sich gehe. Die emotionalisierte und skandalisierte Berichterstattung nimmt ebenso zu wie ein lockerer Sprachstil, kürzere Berichte und illustrative Darstellungen. Die Medien werden immer weiter entpolitisiert. Unterhaltende Elemente sind immer stärker gefragt. Die Zeitungsjungen im 19. Jahrhundert hätte das sicher gefreut: Mit unterhaltsamen, sensationellen Neuigkeiten konnten sie schließlich ihr Auskommen sichern.

Erschienen in der JUST-Ausgabe 02/2013

Die Autorin: Teresa Pfützner

Teresa Pfützner: Die 21-Jährige studiert im 6. Semester Europawissenschaften. Seit sie 15 ist, schreibt sie für die „Sächsische Zeitung“ - zunächst auf der Jugendseite, mittlerweile auch für Kultur und Lokales. Weitere Erfahrungen sammelte sie in Praktika und freier Mitarbeit bei verschiedenen Printmedien.

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